Teil 5: Nordirland gegen England – Der Teufelskreis

1924
Die neu gegründete Filmzensurbehörde verbietet über 100 Filme.

1925
Dublin erkennt de facto die Existenz eines unabhängigen Nordirland an.
Die Unionisten kontrollieren in Nordirland praktisch das gesamte Parlament.
Die Legalisierung von Scheidungen im Freistaat wird unterbunden.

1926
Eamon De Valera überwirft sich mit Sinn Fein und gründet die Partei Fianna Fáil („Schicksalskameraden“, benannt nach der sagenhaften Heldentruppe „Fianna“).

1930
Die Zensurbehörde beginnt, Bücher und Publikationen zu verbieten.

1931
Der Public Safety Act (dt. etwa Gesetz für die öffentliche Sicherheit) erweitert Polizei- und Militärkompetenzen zur Bekämpfung politischer Verbrechen. 12 Organisationen werden verboten, darunter die IRA, die jedoch weiterhin Anschläge begeht.

1932
Eamon De Valera und seine Fianna Fáil gewinnen die Wahlen und stellen die neue Regierung. Politische Gefangene werden freigelassen, das Militärtribunal und der Treueschwur auf den König werden abgeschafft. De Valera beendet die jährlichen Pachtzahlungen an England, die noch aus den Zeiten der „Land Wars“ herrühren. Deshalb kommt es zu einem Wirtschaftskrieg („Trade War“): die britische Regierung belegt Importe aus Irland mit einer Einfuhrsteuer von 40%, was dramatische Einbrüche der irischen Wirtschaft zur Folge hat, die noch rein agrarisch geprägt ist und deshalb wirtschaftlich von Britannien abhängig ist.

1933
Diverse nationalistische Bewegungen und Veteranenvereinigungen verschmelzen zur Partei Fine Gael.

1936
Die Freistaatregierung trennt die meisten restlichen Verbindungen mit Britannien in Vorbereitung auf eine neue Verfassung.
Die „Blueshirts“, eine Gruppierung von Armeeveteranen, wird aus der Fine Gael hinausgeworfen. Eine Gruppe von 450 von ihnen kämpft im spanischen Bürgerkrieg auf der Seite des putschenden faschistischen Generals Franco. 150 Republikanische Kräfte bilden den James-Connolly-Zug in den gegen Franco kämpfenden Internationalen Brigaden.
Die Fluggesellschaft Irish Sea Airways eröffnet ihre erste Verbindung. Später wurde sie zur Aer Lingus, der nationalen Fluglinie.

1937
Eamon De Valera schreibt die neue Verfassung Constitution of Éire. In ihr ist auch der Anspruch auf die gesamte Insel und die Wiedervereinigung festgeschrieben. Sie wird in einem Referendum vom Volke angenommen (zugleich die Fianna Fáil als Regierungspartei bestätigt) und tritt am 29. Dezember in Kraft, kann jedoch wegen des Kriegsausbruchs nicht korrekt umgesetzt werden und stößt in Nordirland wegen der Forderung nach Wiedervereinigung und wegen der engen Bindung an den katholischen Glauben auf Ablehnung. Irisch wird zur ersten Amtssprache.

1938
Verhandlungen beenden den Handelskrieg. Die Engländer geben ihre letzten militärischen Stützpunkte auf.

1939-1945
Der zweite Weltkrieg beginnt. Irland bleibt neutral, denn „England’s difficulty is Irelands opportunity“, „Englands Schwierigkeit ist Irlands Chance“, und weigert sich auch, deutsche und japanische Diplomaten auszuweisen.
Die Ansicht „Wer der Feind unseres Feindes ist, ist unser Freund“ ist übrigens auch die Ursache, warum die Iren es in ganz seltenen Fällen z.T. heute noch mit Adolf Hitler nicht ganz so ernst nehmen.
Die Nazis drehen mehrere abstruse, wenn auch inhaltlich nicht gänzlich falsche gegen England gerichtete Propagandafilme, die englische Verbrechen in Irland zum Gegenstand haben.
Nordirland ist wegen seiner für Britannien kriegswichtigen Industrie wiederholt Ziel deutscher Bombardierungen. Einige deutsche Bomben treffen fälschlicherweise auch die Republik Irland. Die Einwohner legen aus weißen Steinen riesige Buchstaben „Eire“ in die Landschaft, die heute noch zu sehen sind, zum Beispiel hier. Bis Kriegsende haben etwa 200000 Iren für die Alliierten gekämpft.
Nach dem Krieg streiten sich Winston Churchill und Eamon De Valera über die Neutralität Irlands. England erkennt die irische Verfassung an und zieht es in der Folgezeit vor, in anderen Teilen der Welt die Grundsteine für die bis heute andauernden Konflikte zu legen, darunter Palästina und Indien.
Irland beginnt aufgrund von kriegsbedingten Exportbeschränkungen in England, Tee selbst und direkt von afrikanischen Erzeugern zu importieren. Die Regierung gründet dazu eine Gesellschaft namens Tea Importers Limited, die später ihre Geschäfte ausweiten und letztlich zur Anglo Irish Bank werden wird.

1946
Irlands Beitritt zu den Vereinten Nationen scheitert am Veto Russlands.
Das Bord na Mona wird gegründet, um die irischen Torfvorkommen auszubeuten.

1947
Die Statue von Königin Victoria wird vom Vorplatz des irischen Parlaments in Dublin entfernt.

1949
Nach der Erklärung der Koalitionsregierung aus Fine Gael und Labour, eine Republik ausrufen zu wollen, garantiert die englische Regierung im Ireland Act (Irlanderlass) den Verbleib Nordirlands bei Britannien, solange eine Mehrheit dies will. Irland wird formell zur Republik, aus dem Commonwealth hinausgeworfen und tritt in den Europarat ein.
Außerdem weigert sich die irische Regierung, der NATO beizutreten und so Irlands Neutralität zu kompromitttieren.

1952
Das Bord Failte wird gegründet, um den Tourismus in Irland zu fördern.
Das Adoptieren von Kindern wird erlaubt, auch wenn das Kind keiner anderen Religion angehören darf und gemischtkonfessionelle Paare überhaupt nicht adoptieren dürfen.

1953
Wochenschau-Filme (Nachrichten im Kino in Zeiten, als es weder Fernsehen noch Internet gab) von der Krönung der englischen Königin Elisabeth II. werden in der Republik Irland verboten.

1954
Die irische Trikolore wird in Nordirland praktisch verboten.
John Ronald Reuel Tolkien, Professor für englische Sprache in Oxford, erhält den Ehrendoktortitel für Literatur an der Universität Dublin. Er ist Erfinder einer von germanischen, keltischen und nordischen Legenden beeinflussten gigantischen Sagenwelt (einschließlich Sprachen), genannt „Mittelerde“, in der auch sein bekanntestes Werk, „Der Herr der Ringe“, spielt.

1955
Irland tritt den Vereinten Nationen bei. Seitdem werden irische Truppen bei vielen Blauhelmmissionen in aller Welt eingesetzt, das erste Mal 1958 als Beobachter im Libanon.

1956
Die IRA beginnt eine neue Angriffskampagne in Nordirland.

1959
Im County Mayo wird eine geplante Strasse verlegt, weil sie sonst mitten durch einen Hügel des sagenhaften „Kleinen Volkes“ geführt hätte.

1962
Die IRA beendet ihre Kampagne.

1963
Der (irischstämmige) amerikanische Präsident John Fitzgerald Kennedy besucht Irland.

1965
Irland und England gründen eine Freihandelszone.

1966
Zum 50. Jahrestag des Osteraufstandes wird die Nelson-Säule in der Dubliner O’Connell Street gesprengt, wahrscheinlich von IRA-Mitgliedern. Jemand stiehlt Nelsons Kopf.
In diesem Jahr beginnen in Nordirland friedliche Demonstrationen von Katholiken und zum Teil auch Protestanten gegen die bestehenden sozialen und politischen Ungerechtigkeiten. Die Loyalisten begegnen diesen Demonstrationen mit Gewalt. Die Ulster Volunteer Force (UVF) wird gegründet.
Weiterführende Informationen über die gesamte Zeit der „troubles“:
Eine kurze Geschichte des Nordirlandkonfliktes

1967
Die Northern Ireland Civil Rights Association wird gegründet und fordert ein Ende der Benachteiligung von Katholiken. Die Polizei greift sehr hart durch. Ähnliche Gruppen entstehen.
Die Zensur in der Republik wird etwas gelockert.
Die Folkgruppe The Dubliners hat zum ersten Mal internationalen Erfolg.

1969
Unter internationalem Druck leitet die britische Regierung Reformen ein, woraufhin die Protestanten protestieren und Bombenanschläge verüben. Als sie beginnen, katholische Viertel in Derry zu überfallen, kommt es zu gewaltigen Straßenschlachten („Schlacht in der Bogside“). Katholische Einwohner errichten in Belfast Barrikaden, um einen der Oraniermärsche aufzuhalten. Die Polizei wird mit Steinen und Brandsätzen angegriffen. Britische Truppen besetzen Nordirland, zunächst zum Schutz der katholischen Viertel. Innerhalb von zwei Tagen sterben 6 Menschen, 112 werden verletzt. Ganze Straßenzüge brennen nieder, da die Feuerwehr nicht durchkommt. Die Armee errichtet auch so genannte „Peace Lines“, Mauern mit Stacheldraht, um verfeindete Viertel zu trennen, das irische Gegenstück zur Berliner Mauer.
Das so genannte „Free Derry“, ein Gebiet unter Verwaltung der IRA, in das sich die Briten nicht mehr hineintrauten, besteht mehrere Monate.
In der Republik werden bildenden Künstlern und Schriftstellern Steuernachlässe gewährt, woraufhin sehr viele Bürger mit dem Schreiben beginnen.

1970
Die seit 1930 im Untergrund für eine Vereinigung Irlands kämpfende IRA spaltet sich in die Provisorische IRA (die „Provos“) und die Official IRA.

1971
Der erste englische Soldat wird durch die IRA getötet. London verstärkt seine militärische Präsenz. Das Internierungsgesetz, nach dem Terrorismus-Verdächtige bis zu einem Jahr lang ohne Begründung, Anwalt oder Gerichtsverfahren festgehalten werden dürfen, wird von Nordirlands Premier Falkner in Bestätigung der ohnehin bereits gängigen Praxis erlassen.
In einem geheimen nordirischen Gefängnis in Ballykeely werden 14 Männer, die „Hooded Men“ (Kapuzenmänner), die so hießen, weil sie Kapuzen tragen mussten, von den Briten bestialisch gefoltert.

1972
Die Gewalt in Nordirland wird direkt der britischen Regierung unterstellt (Vorsicht, doppeldeutig). Seitdem legt die IRA auch Bomben in England.
Allein zwischen 1969 und 1972 wurden 60000 Menschen gezwungen, ihre Häuser zu verlassen (darunter 80% Katholiken) – die größte Umsiedlung in Europa zwischen dem zweiten Weltkrieg und dem Kosovo-Konflikt 1998/99.
Am 30.1.1972, dem „Blutsonntag von Derry“ (Bloody Sunday), demonstrieren Zehntausende trotz Verbots gegen die unrechtmäßige Verhaftung einiger Einwohner. Als Demonstranten Flaschen und Steine werfen, antwortet die Polizei wie überall auf der Welt mit Gummigeschossen, Tränengas und Wasserwerfern. Fallschirmjäger erschießen 14 unbewaffnete Bürgerrechtler. Nun war es der Armee natürlich unmöglich, sich länger als Schutzmacht gegen die Übergriffe loyalistischer Paramilizen darzustellen. In Nordirland wächst die Sympathie für die IRA unter den Katholiken. Am 2. Februar geht die britische Botschaft in Dublin in Flammen auf.
In den folgenden Jahren verüben protestantische und katholische Gruppen immer wieder Bombenanschläge in Nordirland, die IRA auch in Britannien und auf dem Festland, bei denen zahlreiche Menschen ums Leben kommen. Zweimal wird auch die Downing Street angegriffen. Zeitweise sah Derry wie nach einem Luftbombardement aus, und nur 20% der Geschäfte konnten öffnen.

1973
Irland und Britannien werden Mitglied der EG.
Die Regierungen der Republik Irland und Britanniens beschließen die Einrichtung eines gesamtirischen Rates.
Loyalistische Gruppen in Nordirland, darunter der Oranierorden und die Partei des rechtsradikalen Reverend (Ehrwürden) Ian Paisley gründen den Ulster United Unionist Council (UUUC, dt. etwa Vereinter Unionisten-Rat in Ulster).

1974
Eine gemischtkonfessionelle Regierung in Nordirland scheitert, unter anderem wegen eines großangelegten Streiks der Loyalisten. Die Direktregierung wird wieder eingeführt.
Loyalistische Terroristen legen drei Bomben in Dublin (24 Tote) und eine in Monaghan (6 Tote).

1975
Im Februar beginnt ein Waffenstillstand, der jedoch im November endet.
In Nordirland wird eine Wahl für einen Verfassungskonvent abgehalten. Die geplante Versammlung findet jedoch nicht statt, weil die UUUC eine Machtteilung ablehnt.
Eamon De Valera stirbt im Alter von 93 Jahren.

1976
Republikanische Gefangene weigern sich, normale Gefängniskleidung zu tragen, weil sie sich nicht als Kriminelle, sondern als politische Gefangene sehen. Sie tragen nur ihre Laken („on the blanket“, „blanket protest“).

1978
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte fällt im Verfahren um die „Hooded Men“ (siehe 1971) das Urteil, dass Folter keine Folter ist, wenn sie nicht aus sadistischen Motiven geschieht. Auf dieses Urteil berufen sich Folterer heute noch.

1979
Am 27. August wird Louis Mountbatton, Onkel des walisischen Prinzen Charles, während seines Urlaubs in Irland (Mullaghmore, Co. Sligo) von der IRA mit seinem Boot in die Luft gesprengt.
Am selben Tag werden bei einem anderen Anschlag der IRA an der südlichen Grenze Nordirlands 18 britische Soldaten getötet. Im Gegensatz zu ersterem Ereignis ist dies den englischen Zeitungen jedoch nur eine Fußnote wert.
Papst Johannes Paul II. besucht Irland. Zu einer Messe unter freiem Himmel im Phoenix Park kommen 1 Million Menschen. Der Papst fordert Frieden in Nordirland.

1981
Zehn IRA-Häftlinge sterben bei einem Hungerstreik. Einige von ihnen waren von der Sinn Fein zur Wahl aufgestellt worden und rechtmäßig ins Parlament gewählt worden (damals gab es kein Gesetz, das das verhindert hätte). Mit der Wahl wurde auch das britische Argument von den „Terroristen ohne Rückhalt in der Bevölkerung“ widerlegt. Allerdings hatte Sinn Féin weiterhin Sprechverbot in den Medien, und so wurden z.B. Interviews mit Gerry Adams von (im Laufe der Zeit mehreren verschiedenen) anderen Sprechern synchronisiert. Alle Meldungen aus Nordirland werden generell zensiert.

1982
Die Republik Irland weigert sich, sich an Handelssanktionen der EG gegen Argentinien während des Falklandkrieges (ein zwischen Argentinien und Britannien mit riesigem Aufwand geführter Krieg um ein paar Inseln mit Schafen) zu beteiligen.

1983
In Nordirland beginnen die „Supergrass“-Prozesse. Als Supergrasses werden IRA-Gefangene bezeichnet, die im Verhör bzw. unter Psychoterror wie ein Wasserfall reden und sich und viele andere belasten.
Das New Ireland Forum wird gegründet.

1984
Das New Ireland Forum veröffentlicht drei Vorschläge zur Lösung des Nordirland-Problems.
Die IRA zündet eine Bombe in einem Hotel in Brighton, in dem eine Tagung der Konservativen stattfindet. Die Explosion verfehlt Premierministerin Margaret Thatcher nur knapp. Einen Monat später lehnt sie die Vorschläge des New Ireland Forums ab.

1985
Das Hillsborough-Abkommen zwischen britischer und irischer Regierung beteiligt die Republik Irland erstmals offiziell an der Krisenbewältigung und sichert ihr ein begrenztes Mitspracherecht in nordirischen Fragen zu.
Die Stadt Londonderry wird nach einem Sinn-Fein-Wahlsieg in Derry zurückbenannt, aus Rücksicht trägt die Stadt aber de facto beide Namen.

1988
In Nordirland treffen sich die Führer der SDLP und der Sinn Féin (dem inzwischen so genannten politischen Arm der IRA), John Hume und Gerry Adams. Hume wird dafür scharf kritisiert.
Drei IRA-Mitglieder werden in Gibraltar von britischen SAS-Sondereinheiten erschossen. Während ihrer Beerdigung in Belfast tötet ein loyalistischer Terrorist drei Trauergäste und verletzt über hundert weitere.

1991
Die Urteile gegen die unschuldigen „Birmingham Six“ und „Maguire Seven“ werden aufgehoben.

1992
Die loyalistische UDA (Ulster Defence Association), eine Art antikatholische Killerorganisation, wird verboten, obwohl sie bekanntermaßen schon seit Jahrzehnten Morde an Katholiken begangen hat. Die Mehrheit der zivilen Opfer (einschließlich „militärischer Opfer“ insgesamt etwa 3500 Tote) des Bürgerkrieges geht auf das Konto der UDA und ähnlicher Organisationen.
Durch ein Referendum wird es irischen Frauen erlaubt, im Ausland eine Abtreibung durchführen zu lassen.

Chronologie
Zurück zu Teil 4: Aufstand und Unabhängigkeit
Weiter zu Teil 6: Auf dem Weg zum Frieden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte beantworten Sie diese einfache Rechenaufgabe. (Die Eingabe der richtigen Lösung ist erforderlich.) Die Zeitbegrenzung ist abgelaufen. Bitte laden Sie die Seite neu.