Dies ist nicht Griechenland.

Tagebuch 2013

Vorbetrachtung

Die Planungen für diese Reise begannen schon im Januar. Eine der Ursachen dafür war, dass dieses Mal ziemlich viele Leute gemeinsam reisen, und das auch noch mit dynamischen Veränderungen. Ziel wird ein großes Ferienhaus in Ballintober, südlich von Castlebar, von Dublin aus sehr einfach und bequem und in wenigen Stunden per Mietwagen zu erreichen. In der Nähe locken Connemara und einige Seen, etwas weiter Galway, der Burren und die Cliffs of Moher, und im Norden Achill Island. Im Notfall kann man auch in eine der Städte fahren. In Westport gibt es ein Schwimmbad, und das Haus selbst hat einen Billardtisch. Lieber Regen, wir kommen. Mach doch, was du willst. Mit einer pessimistischen Grundhaltung kann man dankbarer durchs Leben wandeln und den Wandel leben.

Die letzte Irlandreise des -fan liegt schon sieben Jahre zurück, weswegen er zusätzlich gespannt ist. Um es zurückhaltend auszudrücken.

Die Gefährten
Montag, 8.7.2013

Flugreise, klar.
Möwe

Die Anreise bis Berlin-Schönefeld klappt gut. Das Gebäude hat immernoch einen leichten DDR-Flair und ist etwas klein geraten, aber auch nicht sehr voll und halbwegs entspannt. Eigentlich gibt es nur eine wirkliche Schlange, und die ist am Schalter für Aer Lingus und den Flug nach Dublin. Nach und nach trudeln und checken alle Reiseteilnehmer ein. Das war der leichte Teil.

Jenseits der Rollbahn sieht man das neue Terminal, das auf Grund von Inkompetenzüberschneidungen unvollendet geblieben ist.

Bisher, muss man fairerweise sagen.

Nach Durchqueren eines Miniatur-Durchgangs-Flughafen-Pubs und vieler noch verdächtigerer Gänge sitzen wir in einem gläsernen Verschlag und warten auf das Flugzeug. Es ist zu spät. Ein Mann beginnt sich mit einer Mitarbeiterin zu streiten, aber sie will nicht verstehen, was er will, und das versteht er wiederum nicht. Auslöser ist die Tatsache, dass die Maschine massiv überbucht ist.

Als das Flugzeug endlich da ist, werden wir beim Einsteigen ziemlich unwirsch gehetzt. Hey, hey. Wir können ja schließlich nichts dafür.

Aer Lingus ist inzwischen dazu übergegangen, die Nachteile von Billigfliegern mit denen von „herkömmlichen“ Fluggesellschaften als Standard-Kombi-Paket anzubieten. Die Preise sind vergleichsweise hoch, trotzdem muss alles an Bord bezahlt werden, selbst die Getränke und das (zweifelhafte) Essen. Ein sechsjähriges Kind aus unserer Gruppe, das eine „Snack Box“ bestellt hat, sagt laut: „Die Leberwurst sieht aus wie Katzenfutter“, die zuständige Mama murmelt: „Schmeckt auch so“. Ich genieße das alles mehr als Zuschauer. Und obwohl die technischen Mittel vorhanden wären, gibt es weder Fernsehen noch eine Karte des Flugverlaufs.

Die berüchtigte irische Fluggesellschaft Ryan Air wollte vor einigen Jahren Aer Lingus kaufen, das ist aber gescheitert. Daran, dass man nicht zueinander gefunden hätte, kann es nicht gelegen haben. Meine auf Aer-Lingus-Flügen in den Jahren 1999 und 2003 basierende, äußerst positive Meinung von Aer Lingus möchte ich hiermit negieren.

In Dublin kommen wir im neuen Terminal 2 an, das über anderem dort steht, wo früher die Mietwagenparkplätze waren. Bin gespannt, wo die hin sind. Unsere Reisegesellschaft teilt sich in mehrere Subgruppen und diese auf die verschiedenen Mietwagenschalter. Die des Irlandfan muss natürlich in das alte, deutlich düsterere Terminal gehen. Dort suchen wir ein bisschen und finden es dann auch.

Unser Auto ist schon im Voraus über mehrere Subunternehmer mit einem nach Rundum-Sorglos klingenden Optionspaket gebucht worden. Die Vertragsverhandlungen stellen kein Problem dar, abgesehen von dem Detail, dass die Kreditkartenforderung abgelehnt wird. „Declined“, sagt der Mann mit einer Mischung aus Betroffenheit und gut verhohlener Süffisanz. Der Blick sagt so etwas wie: „Na, du Würstchen. Wolltest hier wohl das dicke Auto mieten? Na, komm schon, versuchs doch.“ Mein Blick sagt: „Du arbeitest in diesem fensterlosen alten düsteren Lochschuppen? Wer ist hier das Würstchen? Und Kreditkarten sind sowas von Achtziger“, zumindest hoffe ich, dass der Blick das sagt, allerdings sitzt das größte anzunehmende Würstchen schlicht am längeren Hebel, was die Sache letztlich nicht unmöglich macht, aber ziemlich verteuert. Ein solcher Tiefschlag gleich zu Beginn des Urlaubs kann einem ganz schön die Peter Silie verhageln.

Und – wo ist das Auto nun? JWD, wie der Berliner sacht. In den umtosten Buswartebereich kommt ein Shuttle-Bus, um uns zum auswärts liegenden Parkplatz zu fahren. Sicherlich ist das sparsamer, aber es nimmt der ganzen Sache ein wenig ihren bequemen Luxus. Irrtümlich versuche ich, auf der falschen Seite des Busses einzusteigen, aber für kontinentale Fehlleistungen dieser Art hat der Fahrer genügend sarkastische Sprüche parat. Er fragt, natürlich, wo wir herkämen. Aus Berlin. Ach, da möchte er auch mal hin. Man fragt sich, was hier für Löhne gezahlt werden.

Das Auto ist ein dieselgetriebener skodafarbener Skoda Superb Kombi und in Allem sehr angenehm. Das Gepäck findet gut Platz darin. Alle anderen Subgruppen haben den Tagesordnungspunkt „Hickhack mit dem Autovermieter“ übersprungen und sind deshalb schon losgefahren. Wir wollen uns irgendwo treffen. Ab auf die Autobahn.

Beim Beschleunigen entwickelt das Fahrzeug überraschend eine ungeahnt rohe böhmische Urkraft. Yeeha.

Neu ist für mich die Mautpflicht auf der Dubliner Stadtautobahn. Es gab den Versuch, eine Kassendurchfahrt zu bauen, es hat dann aber so viele Staus gegeben, dass die wieder abgebaut wurde. Nun kann man nur noch elektroautomatisch oder per Kreditkarte bezahlen. Für letztere Option gibt es ein vorbeihuschendes Schild mit einer Telefonnummer, die man bis morgen früh unter Angabe des Kennzeichens anrufen muss. Ich halte das für potenziell unprakt-… halt, war das eben das Schild? – Zum Glück wird diese Mautzahlung über unsere Mietwagenfirma abgewickelt. Alle anderen Mautstationen müssen wir selbst bezahlen.

Auf der Autobahn Richtung Galway packt uns der Hunger, und wir nehmen die erstbeste Ausfahrt, um etwas zu essen. Leider passen wir nicht auf und erwischen ausgerechnet Enfield, wo die Mautstation auf der westlichen Seite der Anschlussstelle zu finden ist – wären wir durchgefahren, hätten wir nichts bezahlen müssen und außerdem kurz darauf eine große Autobahnraststätte gefunden. Stattdessen essen wir in einem kleinen Dorf ein paar undefinierbare laubraune Knorpel und Frittierte.

Im Telefonat mit dem vorausfahrenden Konvoi erfahren wir, dass jene bereits in Athlone in Richtung Roscommon abgebogen sind. Wir zweifeln, aber einer von denen hat ein Navi, und Navis behalten nach Murphy, dem alten Iren, immer in den Fällen recht, in denen man sie nicht selbst einsetzt. Wir folgen nickend und telefonieren uns in Roscommon zusammen, wo die anderen die Zeitdifferenz clever zum Einkauf nutzen. Weiter geht es, das Navi fährt vor.

Aber das Navi glaubt doch hoffentlich nicht wirklich an das Ballintober hier in der Nähe…? Nein, sagt der Navibesitzer mit einer abwehrenden, den bloßen Gedanken daran ins Absurde verweisende Geste und wirft dann beim ersten Schild doch den Blinker. Wildes Gehupe, Anhalten direkt neben einem Rasen mähenden und sich nichts anmerken lassenden Grundstücksbesitzer, Diskussion, „Mist. Dann fahrt ihr mal vor“. (Diese Geschichte ist künftig die Kernspule eines nicht enden wollenden Aufziehens des Betreffenden.) Wir rufen bei der Eigentümerin unseres Ferienhauses voranmeldend an und lassen uns von ihr die geplante weitere Route über Nebenstraßen bestätigen. Sie schätzt die Restfahrzeit auf etwa eine Stunde.

Die folgende Fahrt ist nicht mehr so vorbehaltlos schön. Das liegt daran, dass wir alle doch ziemlich geschlaucht sind, dass es bei knallender Sonne 30 Grad im Schatten sind (wirklich!) und dass die Fahrt noch eine weitere Stunde dauern wird. Einige der Kinder beginnen zu allem Überfluss dann auch noch zu brechen. Umso froher sind wir über Lage und Inhalt des Hauses. Bisher hatten wir ja nur die Bilder von der Webseite und die Ansicht in Google Street View (hier in Irland glücklicherweise nicht mit dem drollig mistverstandenen Schutz der Privatsphäre in Form von unscharfen Kühlschränken). Aber was heißt eigentlich „nur“? Vor Internet gab es maximal ein Foto und drei Sätze als Beschreibung.

Also das Haus gefällt uns sehr gut, es ist groß, geräumig (das ist was anderes), ruhig gelegen und bequem, allerdings auch etwas hellhörig, da es aus Trockenbauplatten und knarrenden Dielen besteht. Aus den Fenstern der oberen Etagen hat man interessante Ausblicke. Richtung Südwesten die ersten Berge von Connemara – das hätte etwas dichter sein können –, Richtung Nordwesten den Croagh Patrick, Richtung Osten ausschließlich etwas, das man aus landschaftsstrukturellen Gründen als Baumsavanne bezeichnen müsste: flach, bis zum Horizont durch nichts unterbrochen, mit niedrigen Bäumen, Hecken und Büschen bestanden, außer Feldern kein menschlicher Einfluss erkennbar. Das ist wirklich seltsam und neu für uns. Laut Internet ist das eine Kalkstein-Karst-Landschaft.

Wir lassen uns von der Eigentümerin noch den Weg zur nächsten Badestelle beschreiben und begreifen die Beschreibung überhaupt nicht. Hier ist ja ein See in der Nähe, aber die Straßen sind kreuz und quer und verwinkelt in dieser Kalkstein-Karstschaft.

Die meisten Kinder bewegen sich auf kürzestem Wege zum Billardtisch, die Erwachsenen kochen Nudeln, die anschließend gegessen werden.

Morgen wollen wir einen Strand am Meer suchen. Natürlich nur, wenn sich das unglaubliche Wetter hält.

Der Pilger
Dienstag, 9.7.2013

(Sonst steht sie natürlich ganz woanders.)
Murrisk Abbey, hier zu Füßen des Croagh Patrick

Die heiße irische Sommersonne brennt weiterhin unbarmherzig auf uns herab. Es bleibt also bei dem Plan, einen Strand zu suchen. Die Karte zeigt den nächsten Strand, der Old Head heißt, ein Stück hinter Westport. Vielleicht nimmt man dann noch die Fähre, um Clare Island zu besichtigen.

Auf der Durchfahrt gefällt uns Westport schon mal ganz gut. Wir nehmen uns eine Besichtigung für die nächsten Tage vor, wenn mal das Wetter etwas nachlässt. Wir halten das erste Mal in Murrisk zu Füßen des Croagh Patrick. Hier beginnt der Pilgerweg auf den Berg, und direkt am Meer liegt die Ruine der Murrisk Abbey. Diese besichtigen wir und durchsuchen das nahe Watt nach Muscheln oder interessanten Dingen. Den Croagh Patrick lassen wir für heute aus.

Dann fahren wir zum Strand am Alten Kopf. Dort ist sehr viel los, offenbar sind Ferien. Es gibt einen schmalen Parkplatz, und die Situation dort stellt auch ohne unsere ganzen Autos den Berufsverkehr in Kalkutta in den Schatten. Die Autos hingegen können wir leider nicht in den Schatten stellen.

Der Strand ist sehr weitläufig und breit, es ist ja immer noch Ebbe, und das Wasser ist kalt. Trotzdem haben besonders die Kinder Spaß, und das ist wichtig. Es wird immer wärmer.

Es geht weiter nach Louisburgh. Dort essen wir in einer typisch irischen Mischoungh aus einem Café und einem rustikalen Kunstgewerbegeschäft zu Mittagh und spazieren so herum und besuchen das nicht sehr informative Urlauberinfobüro und eine Apotheke. In der Apotheke kaufen wir eine Straßenkarte. Solche werden noch viele Jahre um Längen besser sein als MegaCompanyMapApps. Die Auflösung und die Fläche sind deutlich höher. Letztlich enden wir an einem kleinen Plätzchen am Fluss und halten die Füße dort hinein. Die Clare-Insel verwerfen wir.

Aber es ist noch ein wenig Zeit für ein wenig Ballintober Abbey. Sie bedeckt samt Friedhof ein ziemlich großes Karstareal und ist Teil des St. Patrick-induzierten Pilgerbetriebes hier in der Gegend. Beim Durchwandeln fällt uns wieder das oft in irischen Klöstern vorkommende einzelne versteckte Ornament im Kreuzgang auf und dann die verschiedenen Stationen des Kreuzwegs, die mit kunstvollen steinernen Installationen auf dem ganzen Gelände versteckt sind. Jetzt müsste man nur noch religionsgeschichtlich sattelfest sein.

The Beach
Mittwoch, 10.7.2013

Wie auch immer man das genau ausspricht.
Lough Nafooey

Wir haben einen nicht gerade hohen, doch nicht vernachlässigbaren Krankenstand in der Gruppe, deshalb ist für heute keine große Reise geplant. Und um auf den umliegenden Straßen die Staugefahr zu reduzieren, fahren die Subgruppen heute getrennt los. Ein Teil möchte es nochmal mit Clare Island probieren, der des Irlandfan die Sache ruhiger angehen lassen und in Ruhe den Lough Mask umrunden. So fahren wir zunächst ohne Vorkommnisse und Vorkenntnisse nach Ballinrobe und erledigen dort gleich ein paar Einkäufe.

Anschließend versuchen wir, auf den Nebenstraßen zu bleiben. Das ist sehr einfach, wir müssen aber in Kilmaine und später in Neale feststellen, dass wir uns völlig verfahren haben. Daraufhin fahren wir zurück und versuchen, in der Nähe von Cong das Anwesen eines gewissen Charles Boycott zu finden, das im Reiseführer beschrieben ist, dummerweise ohne uns dorthin zu führen. Die englische Bezeichnung für eine solche unangenehme Situation lautet „worse than failure“ oder kurz „WTF?!“. Wir finden das Anwesen nicht, auch keinen Hinweis darauf, dafür interessante Steinebenen am See und viele freilaufende Rinder.

Man hat bei der immernoch herrschenden Bullenhitze den Eindruck, dass der Straßenbelag beginnt zu schmelzen. Er glänzt verdächtig, und die Reifen machen die ganze Zeit Flitschflitschflitsch. Wer nicht aufpasst, bleibt, wo möglich, kleben.

Beim letzten Satz bin ich mir mit den Kommata und den Leerzeichen nicht ganz sicher.

Unser Orientierungssinn hat sich wieder eingekriegt, vielleicht, weil wir Hunger haben. Wir versuchen es in Clonbur und im Mini-Dorf Finny und finden nichts. Dafür finden wir eine kleine Brücke über eine Engstelle des Lough Mask, wo wir kurz die Füße ins Wasser halten. Hier herrscht eine gespenstische Stille, zumindest bis eins der Kinder auf die Schnapsidee verfällt, im Wasser herumzumarschieren und „Links, zwo, drei, …“ zu brüllen.

Die Straße führt durch schöne einsame kahle Berge und einen kleinen Pass, die ersten Ansätze des Joyce Country, und das ist toll. Hier sollten wir nächstes Jahr hinfahren.

In Tuar Mhic Eadaigh fragen wir im Dorfladen, einer urigen Mischung aus Tankstelle, Pub, Kohlenhandel, Gasflaschenaufpustbetrieb, Poststation und Mini-Markt, nach dem nächsten Restaurant. Die Antwort lautet „in Ballinrobe“, und wir mögen sie nicht. Wir kaufen im Minimarkt Käkse und Kese und essen alles an einer kleinen, wunderbaren Badestelle in der Nähe.

(Auf englisch heißt der Ort Tourmakeady – aber wir sind ja hier im Gaeltacht. Irisch ist eine Sprache, die ich nicht unbedingt lernen möchte, aber schriftlich sieht sie einfach toll aus. Clonbur heißt übrigens An Fhairche. Das ist noch viel besser.)

Die Badestelle ist so wunderbar, dass wir gleich hier bleiben. Schrullig ist, dass die Leute auf ihren Handtüchern quasi direkt bei ihren Autos sitzen, und dass gegen Abend eine unbewachte Herde Schafe die Badestelle besucht. Das Wasser ist nicht so kalt wie das Meer und nur am Rand steinig. Nach und nach treffen auch alle anderen ein. Der Versuch einiger Teile der Gruppe, nach Clare Island zu gelangen, ist leider erneut an brechenden Kindern gescheitert, aber der Badesee entschädigt weitgehend.

Und bei dieser höllisch bratenden Hitze ist es das Beste.

Am Abend gibt es Tiefkühlpizza, allerdings aufgewärmt. Die ohnehin vorhersehbaren müden Kalauer wie „leg doch die Pizza auf die Motorhaube, auf dem Gartentisch gebraten schmeckt sie zu sehr nach Kunststoff“ möchte ich dem immer noch geneigten Leser ersparen.

King Kong
Donnerstag, 11.7.2013

Zur Abwechslung mal nicht nach Menschen.
Hier fischten die Mönche.

Krankenstand und Wetter sind unvorhersehbar unverändert. Der Tagesplan sieht ein ähnliches Vorgehen wie gestern vor. Hinzu kommt eine Besichtigung von Cong mitsamt der Abbey.

Auf der Fahrt dorthin entdecken wir noch einen gut beschilderten Steinkreis namens Glebe Stone Circle, der durch einen Zaun vor den Schafen geschützt sein soll. Die Schafe sind aber nicht doof und kommen trotzdem rein, und wenn dann Menschen kommen, werden sie panisch (also die Schafe) (hauptsächlich) und darob doch doof und kommen nicht mehr raus. Wir verscheuchen sie geduldig und vorsichtig und besichtigen den Steinkreis unter den misstrauischen Blicken einiger entfernter Rinder. Fotogen ist der Steinkreis durch den Zaun leider nicht.

In Cong besichtigen wir dann tatsächlich die umfangreiche Abbey, im Pulk. Im Jahr 1996 war ich das letzte Mal hier. Unbekannt war mir, dass sich hinter der Abbey ein großer Park anschließt, der bei der heutigen Hitze sehr angenehm ist. Dann treffen wir noch auf einen breiten Fluss, der den Lough Mask mit dem Lough Corrib verbindet, und in dessen kühle Fluten die Füße wir halten. Am besten geht das an einer kleinen steinernen Hütte, die direkt in den Fluss hinein gebaut wurde und den Mönchen dazumal das Fischen ermöglichte, während sie im Warmen saßen. Beim heutigen Wetter ist das auch ohne Dach erlebbar.

Hinter dem Fluss beginnt ein größerer Wald mit mehrstündigen Naturlehrpfaden, den wir deshalb meiden und lieber Mittagessen gehen. (Wieder zu Hause musste ich lesen, dass man durch diesen Wald zum feudalen Hotel Ashford Castle kommt, das man über den Haupteingang nur gegen Gebühr erreicht.)

Wir essen in einem Cafe, bei dem ein großer altmodischer Pferdewagen voller Torf unpraktischerweise auf einem Balkon im Obergeschoss steht. Soll das etwa malerisch sein? Dann spazieren wir noch etwas durch das Dorf, das anscheinend hauptsächlich vom durch die Abbey und einen alten John-Wayne-Film (The Quiet Man / Der Sieger / ergo: King Kong) induzierten Tourismus lebt.

Die Fahrt geht im losen Konvoi weiter und zielt auf unsere liebgewonnene Badestelle am See. Da wir noch viel Zeit haben, kurven wir über möglichst viele kleine Nebenstraßen dorthin. Wahrscheinlich passiert es dort oben in den Bergen: das endgültige Umschalten auf Urlaub, angesichts der weiten Täler, der Seen und der Berge und der windig laut brüllend auf uns einstürzenden Ruhe.

Und das Wetter ist immer noch schön, nein: super. Also Fenster runter, Santiano rauf und ab geht An Post. (Und das bildet ein wunderschön passendes Beinahe-Anagramm auf Pathos. Spot an auch.) Über den Berg, drüben runter und noch eine andere Straße entlang. Diese wird sehr eng, und geht leider doch in die verkehrte Richtung. Als wir kurz pausieren, um zu überlegen, wie wir hier mangels Kran am besten wenden, kommt ein alter Mann und fragt uns, ob wir Brian gesehen hätten. „Nein.“

Ich hätte angenommen, dass ein Fahrzeug der gehobenen Mittelklasse voller Touristen mit nagelneuem Dubliner Kennzeichen hier zumindest vorläufig als fremd eingestuft wird.

Wir verbringen den restlichen Tag an der Badestelle und essen in einem weitgehend leeren Pub zu Abend. An dem Pub steht in riesigen Lettern, dass hier jeden Freitag Live-Musik durchgeführt wird. Das führt zu einem Beschluss.

Convoy
Freitag, 12.7.2013

Wir sind gestrandet.
Am Strand von Rinvyle

Ich vertrete ja gerade in Irland die Überzeugung, dass bei Fahrten mit dem Auto kurze Strecken schädlich für das Fahrzeug sind. Deshalb tastet sich der Konvoi heute gründ- und endlich durch Connemara.

Der erste Stopp findet in Aghagower statt, einem weiteren Teil des De-Facto-St-Patrick-Themenparks hier in der Gegend. Auffällig sind die ausgedehnten Friedhöfe, die sich durch den Ort ziehen. Den Rundturm darf man betreten und den Kindern auf dünnem Eis den Erkläreisbär geben.

Hier gibt es seit Patricks Zeiten eine Gemeinde. Ein um die letzte Jahrtausendwende errichtetes Denkmal beschreibt diesen Sachverhalt und zeigt auf einem Bild, wie Patrick den Bischof von Aghagower segnet. Es ist gut, dass das im Text steht, denn das Bild könnte ebenso gut einen chinesischen Mönch auf der Großen Mauer zeigen.

Wir beenden die Abkürzung und fahren jetzt endlich nach Connemara. Wurde aber auch Zeit. Weite Ebenen, kahle Berge, pfeifender Wind, Steinmauern, viel Grün, dünn oder gar nicht besiedelt, kaum Bäume oder Sträucher. Für den Irlandfan und viele andere ist das hier das Highlight Irlands. Das beginnt kurz vor Leenane, wo an der Straße ein Café steht und wir nicht essen. In einem Fass voll abgebundenem Beton steckt kopfüber eine Hose (Anmerkung der Lektoratsabteilung: geht das? Dringend prüfen!), und auf dem Fass steht „Bin Laden“. Wir holen uns in Leenane im Laden etwas Naschwerk, halten die Nase am Parkplatz am Killary Harbour in den Wind und in die Kekstüten.

Da speit ein doppelt geöffneter Bus
zwei Reihen Deutscher auf einmal us.
Die stürzen mit mutiger Schnattergier
in die Gegend hier.
Das kann uns die Pause verpatzen,
und der Fan im Idyll reget sich auf:
Nie ist’s still!
Und herum im Kreis,
von Hunger heiß,
beginnt das innige Schmatzen.

Die Touristen essen im Fahrzeug live erwärmte nasse Würstchen und trinken als Mann ***steiner und als Frau *****steiner. Das wäre für mein Gefühl zu dicht am Heimatland und zu viel Trennung vom Urlaubsland. (Und zu viel Steiner.)

Bevor hier jetzt jemand anfängt, mit Handschuhen zu werfen, unternehmen wir noch einen kurzen Rückstecher zu einem Wasserfall am Erriff River, hier in der Nähe. Schön ist der nicht besonders, aber der Ausblick in die Gegend ist besonders schön – nachdem eine andere Reisegruppe samt ihrem Bus abgefahren ist und bevor der nächste Bus hier einschlägt. Den schönen Ausblick haben wir auch auf der Strecke entlang des Killary Harbour. In der bisherigen Wahrnehmung des Irlandfan markierte dieser Pseudo-Fjord ja das Ende aller Ausflüge, in diesem Jahr kommt er von der anderen Seite. Wir machen viele Fotostopps. Die Dichte an Reisebussen und Wohnmobilen nimmt weiter zu und verschärft das durch unseren Konvoi hervorgerufene Ungleichgewicht des Verkehrsaufkommens (und der Erdrotation) gefährlich.

Nach dem Killary Harbour folgt erneut eine wunderbare hügelige kahle Landschaft, voller Bogs und Weitblick. Dann kommen wir zur Kylemore Abbey. Da ist ziemlich viel los, und wir halten nur kurz. Die Stellen an der Durchgangsstraße, wo man einen unbestritten schönen Blick auf die unbestritten schöne Anlage hat, sind mit besonderen Warnschildern versehen, weil dort viele nichtsahnende Touristenautos spontanankern.

Wir wollen versuchen, dem Verkehr zu entkommen, und deshalb auf die Rinvyle-Halbinsel. Das versuchen wir zunächst an der erstmöglichen Kreuzung mitten im Nichts. Neben der Kreuzung steht ein alter Mann mit freiem Oberkörper, einem falschen Sombrero auf dem Kopf und maximal vier Zähnen im Mund und verweigert uns die Durchfahrt. Ich verstehe das Wort „Roworx“ (auf Deutsch sinngemäß etwa „Bauar-bein“) und dass wir bis „Lerrwrack“ müssen.

Und das tun wir dann auch.

Auf der Rinvyle-Halbinsel wird es deutlich ruhiger. Wir wollen nun einen Strand suchen, finden jedoch zunächst ein kaputtes Tower House. Die Hälfte fehlt, der Rest hat auch schon Risse, durch die es sicherlich stark zieht. Daneben liegt eine kleine Siedlung mit Blick auf das Meer. Der Irlandfan geht vorsichtig eine Grundstückseinfahrt hinauf, in der Hoffnung, weiter oben einen Weg bis zur Ruine zu finden. Auf einer Terrasse vor dem ersten Wohnhaus döst ein Neufundländer. Nachdem der Irlandfan eine für ihn unsichtbare Linie überschritten hat, bellt der Hund laut auf und springt auch laut die Straße hinunter, knapp vorbei an einem schockgefrosteten Irlandfan.

Sein Frauchen lässt die Zeitung sinken und sagt liebenswürdig, dass das possierliche Tier das immer mache, wenn in der Nachbarschaft geschossen würde.

Wir fotografieren noch ein bisschen und treten die Suche nach dem Strand erneut an. Wir finden eine lange, selbst für irische Verhältnisse schmale Zufahrt, die völlig gerade von der Straße hinab zu einem Strand führt und in einen Parkplatz mündet. Der Konvoi fährt diese hinunter, um unten festzustellen, dass der Parkplatz bereits stark überfüllt ist. Alle Reiseteilnehmer, die nicht zum ordnungsgemäßen Betrieb der Fahrzeuge nötig sind, steigen aus, die restlichen Gefährten wenden unter großen Mühen und quälen sich den engen Weg wieder hoch. Oben parken sie die Autos an einer Reihe von verhältnismäßig übersichtlichen Stellen der Hauptstraße.

Der Strand ist ein Traum. Breit, lang, schöner Sand. Ein wunderbar weiter Blick geht über ein paar vorgelagerte Inseln bis zu den Bergen rund um den Killary Harbour. In der Ferne leuchtet die weiße Kapelle vom Croagh Patrick. Das Wasser ist wunderbar klar und im richtigen Farbton türkisfarben, nur etwas kalt. Es sind viele Leute hier, aber das verläuft sich. Einige von uns baden kurz, der Rest schaut den Kindern zu. Diese bauen Sandburgen gegen die Flut und bescheren einer Reihe von nichts ahnenden Mini-Einsiedlerkrebsen einen richtig schlechten Tag.

Wir bleiben hier einige Stunden und essen dann in Tully in einem Pub Burger anstelle des Abendbrots. Und auch in der langsamen Dämmerung ist die Landschaft schön, und wir genießen die lange Rückfahrt mit vielen weiteren Fotostopps.

Im Westen nichts Neues
Samstag, 13.7.2013

Sieht man doch auf den ersten Blick.
Museum des Landlebens

Heute reist etwa die Hälfte der Gefährten ab, zum großen Teil in südlichere Gefilde. Bei dem Wetter ist das aber eigentlich unnötig, denn hier ist es auch warm. Immernoch. Wenn auch nicht ganz so stark wie die letzten Tage. Vielleicht 20 Grad und bedeckt, aber die Sonne gibt nicht auf.

Nach dem herzlichen Abschied ist dies hier nicht mehr die Geschichte der Abreisenden, sondern der Hiergebliebenen.

Die Gebliebenen reisen heute in die Stadt Castlebar. Wir stellen jedoch fest, dass diese nur zum Einkaufen zu gebrauchen ist und auch von allen Anwesenden zunehmend so genutzt wird. Viele davon leider mit dem Auto. Wir wälzen in einer spontan einberufenen Vollversammlung den Reiseführer und beschließen, etwas weiter in nordöstlicher Richtung zu fahren. Dabei (genauer: da bei Turlough) stoßen wir auf eine große Anlage mit einem Museum des Landlebens (Museum of Country Life).

Auf dem Gelände steht neben einem alten Schloss und einer anschaulich und authentisch rekonstruierten Lehmhütte auch ein moderner Museumsbau, den man ebenerdig betritt und dann vier Stockwerke in die Tiefe steigt. Das Gebäude ist am Hang zu einem großen Teich erbaut. Die Ausstellung ist sehr anschaulich und abwechslungsreich und enthält viele Exponate zum ländlichen Leben und der irischen Geschichte.

Oberhalb des Museumsgeländes erblickt das Auge noch den kurzen Rundturm und ein altes Kirchlein dazu. Weiter wollen wir heute nicht mehr. Man hätte höchstens noch einen Blick auf den absurden, zum Wallflugsort Knock errichteten gleichnamigen Flughafen (oder war es in Wahrheit umgekehrt?) werfen können. Unsere Wirtin erzählt uns später, dass der Flughafen zunehmend auch von den Einheimischen für Urlaubsflüge genutzt wird.

Wieder in der Teilzeitheimat unternehmen wir einen kleinen Abendspaziergang. Er führt über einen Feldweg zwischen dick bewachsenen Mauern zum Lough Carra. Es ist absolut ruhig, bis auf ein gelegentliches Klatschen, wenn jemand eine Pferdebremse erschlägt, und bis auf die gelegentlich hindurchbratenden Traktoren, die in diesen heißen Zeiten meist Wasser auf die Weiden bringen, damit die Tiere etwas zu trinken haben. Das Gelände geht bald in eine seltsame strauchbestandene Steinwüste über, und wir erblicken schließlich den See, hier leider ohne Badestelle. Trotzdem gefällt uns die menschenleere Weite.

Dublin Desperados
Sonntag, 14.7.2013

Beides im Bild nicht zu sehen.
College Green

Die Reisegruppendynamik nimmt weiter zu. Eine Gruppe um den Irlandfan fährt heute nach Dublin, um morgen dort neue Mitglieder abzuholen und sich bis dahin die Stadt anzuschauen. Gebucht sind Zimmer in einem vorortsnahen verkehrsgünstig gelegenen Großhotel, in dem wir vor sieben Jahren schon einmal waren.

Die Fahrt nach Dublin dauert etwa drei Stunden, und abgesehen von der Wärme passiert nichts Aufregendes.

Das vorortsnahe verkehrsgünstig gelegene Großhotel finden wir auf eine nicht minder unglückliche Weise wie vor sieben Jahren, weil inzwischen das Spaghetti-Autobahnkreuz zu einem anderen Spaghetti-Autobahnkreuz umgebaut worden ist und außerdem die Erinnerung alle nebensächlichen Dinge datenreduziert speichert. Der Check-In gestaltet sich unkompliziert, allerdings hängen hier viele pseudo-erwachsene Gäste herum und sind cool und hip – falls das nicht beides gleichzeitig geht, versuchen sie es trotzdem. Hat sich die Zielgruppe so sehr geändert? Wir sorgen uns um die Kontinuität der Nachtruhe in unseren Zimmern, aber, wie sich herausstellen wird, aus den falschen Gründen.

Nach kurzer Sammlung und dem vergeblichen Versuch, in einem der Zimmer das Schlafsofa auszuklappen, wandern wir hinüber zur Haltestelle der Straßenbahn. Noch bevor wir begonnen haben, die möglichen Varianten der Fahrstrecken- und Ticketkombinationssysteme zu verstehen (grundsätzlich etwas, das alle Menschen bestenfalls in ihrem eigenen Heimatort tun), spricht uns ein dicker schwarzer Mann an, der sowohl einen Schlips als auch einen gepflegten Anzug trägt, zusätzlich allerdings eine gelbe Tarnweste. Auf der Weste steht „Revenue Protection Officer“, was wir spontan mit „Offizier zur Sicherstellung der Einkünfte“ übersetzen. Ich finde das erfrischend ehrlich und glaubwürdig, und ich verteidige diese Deutung auch, wenn sie falsch sein sollte. Armeen dienen ja nun mal diesem Zweck, wie auch schon der Herr Bundespräsident Köhler, zum Ärger seiner Partei, sagte, wenn auch wahrscheinlich nur aus Versehen laut.

Der Offizier fragt uns, wieviele wir seien (zu fragen geht auch schneller als uns zu zählen), und wohin wir wollten, stellt unser Geld sicher, drückt auf ein paar Knöpfe am Fahrkartenautomaten und steckt es hinein. Mich umblickend, entdecke ich ganze Horden dieser Offiziere und ein paar Sicherheitsleute noch dazu. Vielleicht ist diese Rubelbildung ja ein Zufall, denn was sollte man sonst davon halten?

Nach der in einem früheren Jahr schon erlebten Fahrt durch die Vororte steigen wir an einer Station namens Jervis aus und trinken in einem bis zu unserer Ankunft leeren korrekten Café Kaffee.

Dann wollen wir ziellos durch die Stadt flanieren, platzen auf die O’Connell-Street und geraten in einen hochsommerlichen Touristen-Maelstroem. Das kannte ich so hier noch nicht. Große Mengen von Menschen meist jüngeren Datums sind unterwegs durch die Straßen.

Wir bestaunen zunächst noch den „Spire“ (Spieker?), der zum Selbstzweck auf dem Mittelstreifen steht, passieren ein Denkmal von James Larkin, der ironischerweise die Hände beschwörend in Richtung der Straßenbahn hebt, dann die Post und kreuzen die O’Connell-Brücke. Die Menschenmassen verdichten sich noch, falls das möglich ist. Durch den großen Souvenirshop wälzt man sich in Richtung auf das nahe liegende Temple-Bar-Viertel. Als der Gehweg mal gerade nicht von drei oder mehr 10-Zoll-Tablets, die von ihren Eigentümern zum Fotografieren missbraucht werden, blockiert wird, biegen wir noch kurz ab zum Trinity College. Zu Frank McCourts Zeiten herrschte noch der Glaube, dass man durch dessen Betreten den katholischen Glauben fallen ließ und den protestantischen annahm. Das scheint heute nicht mehr so zu sein, wir haben jedenfalls nichts gemerkt. Die Bibliothek mit dem Book of Kells hat unglücklicherweise schon zu, es sind eben unfreundliche Öffnungszeiten, dafür aber hohe Eintrittspreise.

Und dann drängen wir uns auch durch das Temple-Bar-Viertel. Die Pubs sind schon voll, die Insassen auch, beide dem Anschein nach rund um die Uhr. Die Zielgruppe will es, sie kriegt es.

In einem Temple-Bar-spezifischen Souvenirladen kaufen wir spezifische T-Shirts (die muss man in dem ganzen Guinness-Einerlei suchen) und suchen uns ein Restaurant. Das nette italienische, in dem wir vor sieben Jahren waren, ist leider voll, und wir finden ein anderes in der Parliament Street nahe der Liffey. Hier ist es laut und eng und das Essen schmeckt nicht besonders. Dafür ist es teuer, und der Kellner benimmt sich auch so, obwohl er so aussieht wie eine Kreuzung aus Schmidtchen Schleicher und einem Troll im Frack.

Anschließend gehen wir noch kurz zum Platz vor dem Rathaus mit kurzem Blick zum Dublin Castle und zum berühmten Luxushotel der U2-Gruppe. Dann sind wir fertig, taumeln zur Straßenbahn und fahren in die Vorstadt zurück. Bei den Übersetzungen der Stationsnamen sind die Kinder zu misstrauisch, um sich darüber lustig machen zu können. Rote Kuh?! Denk dir mal was besseres aus, Papi.

Im Hotel stellen wir fest, dass das Problem nicht die Partykinder sind – offenbar sind die woanders – sondern die Autobahn vor dem Fenster, die wir hören wollen, weil wir nicht ersticken wollen. Immerhin gibt es WLAN, und die mitreisenden Androiden saugen Daten, Mails und Infos aus der weiten Welt.

Und so endet dieser Tag in dieser brodelnden Metropole.

Die zwei Türme
Montag 15.7.2013

Dublin von außen
Robben auf North Bull Island

Die Nacht war ziemlich laut, letztlich aber doch erholsam. Es sieht auch ein wenig nach Regen aus, aber das wäre in diesen Landen zu dieser Zeit zu abwegig.

Die Partykinder sind entweder noch nicht da oder noch nicht wach, deshalb ist es bei unserer Ankunft am Frühstücksbuffet ruhig und leer. Die Sonne drückt sich durch die Wolken. Geht doch.

Wir checken hinaus auf die Ringstraße und fahren bis nach Howth. Dort ist auch nicht viel los, sondern Ebbe, und wir platschen outdoorsandalt auf dem Meeresboden entlang. Etwas weiter draußen beginnt ein Gebiet, wo der ganze Boden aus einer sehr dicken Schicht aus Muschelschalen besteht, die die ganze Zeit erstaunlicherweise unlokalisierbar subtil vor sich hin knistern. Richtung Dublin erkennen wir hinter einem Wasserarm im Nordbulleninsel-Naturreservat eine Gruppe Robben, die sich dort sonnen und sich weder von den Menschen noch der Umgebungszivilisation (besonders schön: die markanten Schornsteine des Kraftwerks an der Mündung des Liffey) sonderlich gestört fühlen. Höchstens von den freilaufenden Hunden einiger Anwohner.

Wir fahren dann weiter nach Malahide und kaufen dort Schuhe für eins der Kinder, die im Schlamm etwas gelitten haben (also die Schuhe), was die Schuhverkäuferin auf den ersten Blick vermutet, obwohl sie sie nicht anhaben (also die Kinder die Schuhe). Im Radio witzeln die Moderatoren über die anhaltende Trockenhitzewelle. Einer sagt, er habe das Bedürfnis, alles zu waschen und auf die Leine zu hängen. Die Garderobe, die Vorhänge, die Teppiche, das Laub…

Es wird Zeit, zum Flughafen zu fahren, um die Gruppe wieder zu erweitern. Dort ist es offiziell unmöglich, jemanden kostenlos mit dem Auto abzuholen. Es gibt einen Set-Down-Bereich mit bedrohlichem Halteverbot, aber offenbar keinen Pick-Up-Bereich. Man müsste kostenpflichtig ins Parkhaus. Dem verweigern wir uns, bleiben bei den Autos und blicken misstrauisch in die Gegend.

Die Neuankömmlinge steigen zu, und wir brausen raus aus der Stadt, gen Westen. Zurück in die Ruhe, die Weite und die Landschaft.

Es ist aber noch Zeit, noch ein Hochlicht mitzunehmen – Clonmacnoise, dessen Türme freilich weder Orthanc noch Barad-dûr heißen. Hunger besteht auch darauf, beachtet zu werden. Dafür ist Clonmacnoise aber eher ungeeignet. Es gibt zwar etwas zu Essen, aber nur merkwürdig und nicht wirklich reichlich.

Die Ruinenstadt ist wie immer. In der Landschaft fallen wieder die dünnen braunen Wolken auf, die über den Torfabbaugebieten stehen. Die Trockenheit erleichtert den maschinellen Torfabbau. Die Fahrt geht weiter über Galway bis nach Ballinrobe, wo wir einkaufen.

Zu Hause gibt es Burger zum Abendessen. Wir lassen uns außerdem die Sonne ins Gesicht und auf die noch nassen Sandalen scheinen.

8 Blickwinkel
Dienstag, 16.7.2013

Geraffte Straße
James Street, Westport. Im Hintergrund das Achteck.

Heute wollen wir Westport besichtigen, weil es auf den bisherigen Durchfahrten immer sehr nett gewirkt hat. Das Wetter ist heute zur Abwechslung mal warm, sonnig und trocken.

Westport weiß auch bei näherem Hinsehen zu gefallen. Es besteht im Kern aus einem schrägen Geviert aus irischen Einkaufssträßchen und ein wenig Drumherum. Dazu kommt noch ein großer Platz namens Octagon mit einer Säule zum Thema Patrick. Allerdings wälzt sich hier ziemlich viel Verkehr hindurch; unser Convoy wälzte sich ja auch schon. Wir schauen uns ein paar Läden auf der Suche nach Andenken durch und essen dann einen Kaffee und ein Mittagessen in Seitenstraßencafés.

Gesättigt wälzen wir uns noch zur Kirche der Heiligen Dreieinigkeit, bei der besonders das gemauerte Dach des Turms auffällt, und beginnen dann, das Westport House zu suchen. Dieses wird durch seinen eigenen Park vom Stadtzentrum getrennt. Wir müssen allerdings feststellen, dass dazu eine Art Freizeitpark gehört, dessen gepfefferten, gesalzenen und auch sonst gründlich überwürzten Eintritt zu bezahlen für die Besichtigung des Hauses obligatorisch ist. Vorher kriegt man das Haus nicht mal von weitem zu sehen, außer durch ein paar kleine Lücken in der Bewaldung. Nachdem wir auf dem See sogar noch Tretboote in Gestalt von Riesenschwänen gesehen haben, lehnen alle Mitglieder der Reisegruppe die Besichtigung ab.

Man kann diesen Freizeitklamauk kritisieren, aber vielleicht nehmen die längerfristig Ortsansässigen diesen ja gern in Anspruch – und zahlen mehr als die paar Touristen mit ihrem selektiven Geschichtsinteresse?

Unsere Gruppe allein hätte aber den Jahresumsatz doch ganz schön angehoben.

Wir besichtigen kostenlos den Hafen mit einigen gammelnden Schiffen, werfen einen Blick Richtung Croagh Patrick und fahren dann über möglichst einsame Bergstraßen zu unserer lieben Badestelle bei Tourmakeady.

Im auch lieben Dorfladen kaufen wir das Nötigste grob ein und fahren nach Hause.

Sturmhöhe
Mittwoch, 17.7.2013

Mein Lieblingsplatz in diesem Land
Am Black Head

Die Neuankömmlinge beantragen mehrheit- und nachdrücklich eine Besichtigung der Cliffs of Moher, obwohl die ziemlich weit weg sind. Aber sie haben sich schon sehr darauf gefreut, und deshalb. Wenn sie schon mal hier sind, gehört das schon dazu. Es ist ihr erster Irlandurlaub. Gut, aber es wird eine Gewalttour. Zunächst braust der Konvoi bis Galway, drumherum und weiter bis zum Dunguaire Castle. Wenn man schonmal hier ist, gehört das dazu. Alle, die hier waren, beschweren sich ab sofort darüber, dass man es künftig auf jedem Irlandkalender oder -reiseführer wiedererkennt, der einem in die Finger gerät.

Empfehlenswerterweise essen wir in Kinvara zu Mittag. Direkt am Hafen mit Blick auf alte Segelboote kann man sogar draußen sitzen, obwohl die Sonne gleißt und es zu warm ist. Der Irlandfan rätselt längere Zeit an der Frage herum, ob dies hier das selbe Restaurant ist, in dem wir im Jahr 2003 waren.

So schnell vergisst man.

Durch Ballyvaughan, das ich sehr mag, fahren wir diesmal durch und biegen auf den Burren ab, denn der Paulnabrone Dolmen gehört schon dazu, wenn man mal hier ist.

Auch er hat sich verändert. In meiner Erinnerung an das Jahr 1999 musste man das Auto am Straßenrand verstauen, falls möglich, und dann über die Felsen klettern, vorbei an kleinen Steinmännern, die anscheinend von Besuchern stammten. In der Wirklichkeit des Jahres 2013 stellt man das Auto auf dem großen Parkplatz ab, wo sogar für Busse Platz ist, geht über einen bequemen Weg zum Dolmen und liest unterwegs viele Infotafeln. Die touristischen Steinsetzungen vermisse ich. Der Dolmen ist von einer Kordel geschützt, aber ich glaube, das war auch 1999 schon so.

Die Fahrt geht weiter. Wir mögen nicht wenden, sondern vertrauen darauf, Enistymon und Lahinch auch so zu finden. Mit Hilfe eines Bauersmanns – „D’you see the cottage over there?“ – gelingt uns das auch. Wir gehen auch wieder an den Strand bei Lahinch, der so schön groß und weit ist. Das gehört schon dazu, insbesondere bei dieser Bullenhitze. Es ist auch sehr windig.

Als nächstes geht es zu den Cliffs of Moher, da wir schon mal hier sind. Auch hier hat sich so einiges verändert. Es gibt einen neuen Parkplatz auf der anderen Seite der Straße, den man bezahlen muss. Von dort wandelt man auf bequemen Wegen zum neuen Besucherzentrum, das sich unter dem rechts liegenden Berg versteckt und eine große Ausstellung, eine Reihe von Mini-Shops und eine Cafeteria beherbergt. Sämtliche Wege sind neu gemacht und – wichtigste Neuerung – man kommt nicht mehr direkt an „die Kante“ heran. Das dient der Sicherheit, auch der der Lebensmüden. Für diese gibt es auch noch ein Sorgentelefon. Für Staaten ist Selbstmord nun mal eine Form von Steuerhinterziehung. (Die wird aber umso ernster genommen, je geringer die Steuerschuld ist.)

Die neuen Mauern versperren ein bisschen die Sicht.

Bisher haben wir von dort oben auch noch nie diese begüterte Besucher bringenden bulligen Boote gesehen, die unter den Klippen herumschaukeln. Aber warum eigentlich nicht?

Ein gerissener Grundstückseigentümer in der Nähe hat auf seiner abgezäunten Weide etwas eingerichtet, was er als spektakulären 360°-Blick bezeichnet. Das lohnt sich nicht, aber diese Erkenntnis gewinnt man leider sehr spät. Und bezahlen soll man auch noch dafür.

Spät ist es geworden. Das Abendessen wird fällig, und wir betrachten die Sandwiches der Cafeteria als solches. Die Heimreise wird noch eine Weile dauern.

Trotzdem – und weil wir gerade schon hier sind – nehmen wir von hier die Küstenstraße entlang des Burrens. Sie gehört für den Irlandfan zu den schönsten Flecken Irlands, insbesondere die Gegend um den Black Head.

Jetzt kann ich es ja zugeben: die Ahnung, hier mal wieder vorbei zu kommen, hat mich in der Tagesplanung leichter für die Cliffs-of-Moher-Tour stimmen lassen. Ein kurzes Wolkenfeld zieht herum, wir können ihm aber entkommen und genießen die Abendsonne.

Ein erstaunlicher runder Turm in der Nähe von Doolin erweckt unsere Aufmerksamkeit, und wir betrachten ihn aus der Nähe. Es scheint sich um ein historisches, doch saniertes und bewohntes Gebäude zu handeln. Mehr erkennen wir leider nicht.

Gegen 22:45, nach langer Rückfahrt über den Black Head (ein Traum!), Ballyvaughan (wo der Burren von der untergehenden Sonne rötlich beleuchtet wird), Kinvara, Einkauf und Galway, rollen die Autos auf den heimatlichen Kieshof. Alle Kinder sind schon eingeschlafen.

Nix zu verlieren
Donnerstag, 18.7.2013

Hier ohne die ganze dick aufgetragene Symbolik.
Ballintober Abbey

Es ist immernoch warm. Den Punkt, wo wir über das diesjährige unglaubliche Wetter ungläubig den Kopf schütteln, haben wir aber schon lange hinter uns. Der heutige Tag wird ein fauler Tag.

Wir zeigen den Neuankömmlingen noch einmal die Ballintober Abbey und stellen fest, dass wir einiges noch nicht gesehen haben. Neben dem weißkahlen Innenraum der Kirche mit kleinen bunten Kreuzweg-Reliefs ist das eine freundliche Gartenanlage mit einem künstlichen Wasserfall, weiteren Kreuzwegstationsteinsetzungen, gemeißelten Bibelzitaten und viel Symbolik. Das ist alles etwas modern und wird dem einen gefallen, dem anderen nicht.

Eines der Kinder findet ein vierblättriges Kleeblatt. Anhand eines Kleeblattes soll damals der Heilige Patrick den Iren die Vierfaltigkeit versinnbildlicht haben. Nein, Moment…

Gegenüber liegt ein kleines Pub mit etwas, das wir in Deutschland einen kleinen Biergarten nennen würden, aber ich wette, das das in Irland doch eine Seltenheit ist („Unh-hunh. What’s a beer garden? But it sounds great.“). Wir verspeisen dort angenehme Salate und Tagessuppen und suchen dann unsere liebgewordene Badestelle bei Tuar Mic Cheidigh auf.

Der See ist heute aalglatt. Die Badestelle ist kaum besucht, und zeitweise ist niemand im Wasser. Wenn man gerade nicht hinsieht, ertönt ein gewaltiges Platschen im Wasser. Blickt man hin, sieht man auf dem Wasser an einer Stelle viele kleine Wellen. Der Eindruck entsteht, dass dort gerade ein Wal einen dreifachen Rittberger gedreht hat, aber es sind nur kleine Wellen. Das passiert heute noch öfter, ohne dass wir einmal den Wal, oder was das ist, sehen.

Ein kleiner Junge behauptet, das wäre ein großer Fisch. Wahrscheinlich eher ein Schwarm kleiner Fische, aber warum die alle gleichzeitig springen, können wir nicht erkennen.

Gegen Abend fahren wir in Ballinrobe einkaufen, darunter eine erstaunlich billige Kiste mit Bierflaschen der Marke „Guinness Black Lager“. Vielleicht ein gescheiterter Versuch? Dazu kommt ein Einweggrill, mit dem wir am Abend im auffrischenden Wind auf einem Grundstück ohne richtigen Windschatten noch viel Konzentration haben.

Cars
Freitag, 19.7.2013

Friedlich und gespenstisch zugleich
Blick in das namenlose Dorf

Der Plan für den heutigen Tag: das Super-Wetter ausnutzen und nach Achill Island fahren. Für den Irlandfan ein Name wie Donnerhall, hat doch Heinrich Böll der Insel ein Denkmal gesetzt und sie unglaublich lebendig beschrieben. Schauen wir uns das doch mal an.

Die Fahrt geht über das nun schon bekannte Westport nach Newport. Die Einfahrt dort gestaltet sich imposant: man fährt in ein Tal, das von zwei Brücken in unterschiedlichen Höhen überspannt wird. Unten die Straßenbrücke, dahinter und weiter oben die ehemalige Eisenbahnbrücke. Heute schauen wir nur kurz und benutzen dann die untere. An sie schließt sich ein eher normaler irischer Ort an. Die Fahrt geht weiter bis zu einem Schild, das auf die Burg Rockfleet Castle, das einst der berühmten „Piratenkönigin“ Grace O’Malley a.k.a. Granuaile gehörte, verweist.

Die war eine berühmte und mächtige Piraten-Anführerin. Das Haus wird diesem historisch aufgeladenen Ruf nicht ganz gerecht, es ist eine normale Wohnburg an einem kleinen Meeresarm und nicht zu besichtigen. Angeblich war das Halteseil ihres Schiffes an Grannys Bettgestell in der Burg gebunden.

Nach einem gut choreografierten Wendemanöver fahren wir über das geschäftige Mallaranny und anschließend weniger besiedelte Gegenden zu einer kleinen Brücke in einem kleinen Ort, der so klangvoll heißt wie der Meeresarm: Achill Sound. Die Brücke widerspricht den Beschreibungen der diversen Reiseliteraten, wurde also offenbar mehrfach umgebaut – oder mehrfach falsch beschrieben. Die aktuelle Inkarnation ist drehbar gelagert, aber es ist nicht ersichtlich, wie oft diese Funktion angewendet wird. Bei der aktuellen Ebbe jedenfalls nicht. Besser so, so bleibt der Konvoy zusammen.

Wir fahren auf der Haupstraße weiter auf die Insel. Die verstreut besiedelte Weite passt beim heutigen Sonnenbadewetter nicht zur Irlandmystik, aber wir fahren trotzdem weiter über Cashel (nicht DAS Cashel) nach Doogort. Dort tut sich ein unglaublicher Blick von der Straße über einen großen Strand hin zu einem kahlen Berg auf. Dieser Blick auf blaues Meer und blauen Himmel bei strahlender Sonne ist überwältigend und ein Highlight für den Irlandfan.

Hinter dem Berg an dessen rückwärtigem Hang liegt das verlassene Dorf, das schon Böll beschrieben hat und von dem man nicht mal den Namen weiß. Deshalb heißt es nach dem Berg: Slievemore.

Teile unserer Gruppe besichtigen das Dorf, den anderen ist es zu warm. Mehr als Steine und Mauerreste sind nicht übrig. Trotz des unmystischen Wetters fällt es leicht, sich hier dörfliches Leben und harte Zeiten auszumalen – man wundert sich nur, wo genau hier die Wege oder Straßen entlanggeführt haben.

Blickt man von hier oben weiter, so erkennt man den Ort Keel und seinen wirklich gutbetuchten Strand. Dorthin fahren wir, um endlich mal baden zu gehen. Es ist uns allerdings zu voll dort (dabei noch weit von mediterranen oder baltischmeerigen Verhältnissen entfernt), weshalb wir kurzerhand zurück nach Doogort fahren und dabei zum zweiten Mal, ohne es zu bemerken, an Heinrich Bölls Cottage vorbei. Das steht hier in der Nähe und gibt sich aber wirklich alle Mühe, nicht erkannt zu werden.

Den Rest der Nettotageszeit verbringen wir am Strand. Es ist windig, aber schön. Das Wasser ist ziemlich kalt, und wenn man sich darin aufhält, wird man an freiliegenden Körperstellen seltsamerweise von Pferdebremsen attackiert. An Land nicht.

Zur Kaffeezeit begibt sich der Irlandfan auf die Suche nach Kaffee. An einem vergleichbaren Strand am Mittelmeer oder der Ostsee gäbe es eine vollständige Infrastruktur aus Eisläden, Getränkeständen, Strandrestaurants und Läden, die aufgeblasene Riesenschildkröten und T-Shirts von Manchester United verkaufen. Hier gibt es nur eine große, zusammenhängende Multi-Branchen-Marktlücke. Es gibt, abseits, einen kleinen Kiosk, der mit Mühe etwas Eis verkauft. Oben an der Straße findet der Irlandfan doch noch ein Café für Kaffee. Dort ist man der Idee „coffee to go“ nicht grundsätzlich abgeneigt, aber technisch hoffnungslos ungewachsen. Gerne, doch mit Mühe findet die Verkäuferin die nötige größere Menge Pappbecher, füllt Kaffee hinein und improvisiert aus einem Stück Pappe mit einem Messer ein Tragebrett. Der Name McGyver sagt ihr nichts.

Auf dem Rückweg den Strand entlang fragen mich mehrere Leute unabhängig voneinander und mit nur leicht kaschiertem raublüsternem Blick, wo ich den Kaffee her hätte.

Alle Urlaubsteilnehmer gehen davon aus, dass wir hier so schnell nicht noch mal herkommen, deshalb wälzt sich der Konvoi auf gewollten Umwegen nach Hause. Genauer: auf der Straße über den Berg und über Cloghmore und somit fast die gesamte Südküste von Achill Island. Schön. Alle stoppen andauernd, um zu fotografieren.

In Mallaranny müssen wir noch kurz tanken.

Zu Hause angekommen, hören wir ein leichtes Grummeln aus einem Stück dunklen Himmels, aber es passiert weiter nichts. Nach dem Abendessen fahren wir noch zu einem Pub hier in der Nähe, das wir schon öfters gesehen haben und an dem steht, dass hier jeden Freitag live Musik durchgeführt würde.

Wir sind die einzigen Gäste, also hat der Laden wenigstens mal richtig Umsatz. Musik gibt es keine. Nur noch einmal im Monat. Müsste man da nicht mal die Werbung korrigieren?

Eigentlich schon, aber niemand korrigiert fehlerhafte Werbung.

Es fällt ja auch keiner darauf rein, außer die paar Touristen.

Cars 2
Samstag, 20.7.2013

Dies ist nicht Griechenland.
Slievemore

„Was machen wir heute?“

„Wir fahren nochmal nach Achill Island!“

Auf dem Weg spazieren wir noch ein wenig durch Newport und über die alte Eisenbahnbrücke, die jetzt eine Fußgängerbrücke ist und einen schönen Blick ins Land bietet. Jemand hat sich die Mühe gemacht, mit verschiedenfarbigen Pflastersteinen ein Eisenbahngleis nachzubilden. Im Ort findet man noch ein Wandgemälde, das die Hinrichtung von Father Sweeney im Nachgang der Aufstände 1798 zeigt.

In Achill Sound besuchen wir eine Reihe von Geschäften, die alle dem selben Eigentümer zu gehören scheinen, und kaufen Snacks zum Mittag und keine Souvenirs. Dann fahren wir weiter zum Strand auf der nördlichen Inselseite. Die Fahrt wird durch einen Abstecher zu einem Kunst-Cottage („Art Gallery“) unterbrochen, wo man Kaffee, Tee und Malerei trinken und kaufen kann. Die Werke allerdings, die uns gefallen, sind zu groß, und die kleinen sind uns auch schon zu teuer. Aber das ist natürlich Geschmackssache.

Das Problem mit Strandurlauben ist ja, dass man nichts darüber schreiben kann. „Wir haben einige Stunden am Strand gelegen, nach etwa einer halben Stunde hat X sich umgedreht und ist kurz darauf schwimmen gegangen“ – geht nicht. Sonst gäbe es noch eine Seite namens Zakynthosfan (aber von dort bringe ich immer nur eine stark verdünnte Nasenrücken-Epidermis und die Folgen einer schweren Kaliorexie zurück). Der Irlandfan liest am Strand eine Weile in einem griechischen Buch, in dem auch viel Sonne und Strand vorkommen, und versinkt unbewusst fehlinterpretierend in dieser kompatiblen Athmosphäre. Das Auftauchen am Ende des Buches ist ein sehr, sehr seltsames Gefühl. Noch seltsamer als ohnehin schon bei den meisten richtigen Büchern.

Es gibt wieder Cräcker mit Schmelzkäse und leckeres Wasser. Die Kinder wollen noch die Drachen steigen lassen und üben das Lenken. Muschelsammeln geht auch immer.

Was immernoch nicht geht, ist so zu schreiben.

Es passiert also nichts weiter.

Später fahren wir zurück und wollen in Westport zu Abend essen. Dort ist die Hölle los: wichtige Straßen sind wegen eines Radrennens gesperrt, am Hafen hat unerwartet ein großer kreischender Rummel aufgemacht, und alle Leute sind auf den Beinen. Mit Mühe finden wir in einem Restaurant namens „The Towers“ (keine Türme weit und breit zu sehen) mit Bänken im Freien ein paar Plätze. Seltsamerweise muss man drinnen am Tresen das Essen bestellen und bezahlen und bekommt es dann nach draußen geliefert.

Danach passiert es.

Es musste ja kommen.

Natürlich dann, wenn man es am wenigsten erwartet, weshalb man sich psychisch noch viel nackter vorkommt.

Es beginnt zu…

… (genau!)…

… regnen.

Etwa 5 Minuten tröpfelt es ein bisschen und hört dann mit einem gewaltigen, leisen Schlusspunkt wieder auf.

Das Haus am See
Sonntag, 21.7.2013

Wie schlecht doch das Bild zum Titel passt.
In Connemara, bei Maum

Am Morgen entsteht eine längere Diskussion darüber, wie man es am besten vermeidet, den letzten wirklichen Urlaubstag zu vergeuden. Die vergierenden Meinungen treffen sich bei einer Rundfahrt über Cong, Maum und Leenane.

In Cong besichtigen wir zwar nicht noch einmal die Abtei, dafür aber noch ein wenig den Ort. In den Touristenläden wird wieder der Film „The Quiet Man“ mit John Wayne beschworen. Naja. Wer den wohl gesehen hat? Nicht mehr lange, und niemand weiß mehr, wer das ist.

Der nächste Halt ist an einer Art Aussichtspunkt über den Lough Corrib. Hier steht schon ein Reisebus, dessen Insassen zum Teil sogar ausgestiegen sind. Einige fotografieren wieder mit Tablets. Da wir auch filmen wollen, müssen wir warten, bis der Bus weg ist, weil der Chauffeur natürlich den Motor laufen lässt.

Ich habe das unscharfe Gefühl, dass hier oder in der Nähe ziemlich viele Postkarten- oder Kalendermotive aufgenommen worden sind. Oder zumindest an einer sehr ähnlichen Ecke. Leider hat der Himmel zur Zeit eine Farbe, die nur für Schwarz-Weiß-Postkarten geeignet ist. Und auch das nur mit massiver Nachbearbeitung. Soll heißen: es ist bewölkt. Aber warm.

Kurz hinter Maum finden wir eine nette Taverne an der Straße. Das mit der Suppe des Tages entwickelt sich inzwischen zu einen herzlichen Running Gag. Und wir haben einen schönen Blick auf die Bens und alte landwirtschaftliche Geräte am Rande des Parkplatzes. Wir folgen der Straße bis Leenane und von da bis zur Kylemore Abbey.

Heute betrachten wir das mal etwas aus der Nähe. An den großen Rummel rund um den Parkplatz kann ich mich nicht mehr erinnern (ist ja auch 14 Jahre her), ich kann also nicht sagen, ob es damals schon so voll war. Oder ob die ganzen Betriebsbauten schon standen. Sie beherbergen einen Essbetrieb, wo die Luft brennt, eine Hochgeschwindigkeitstoilette und einen großen Souvenirshop.

Mir ist ebenfalls nicht mehr erinnerlich, ob die Besichtigung der Abbey damals Geld gekostet hat und wieviel. Heute erscheint es uns recht viel, insbesondere weil wir nicht mehr so viel Zeit haben für die gebotene Muße. Irgendwo da oben soll es sogar noch einen Garten geben. Wir verschieben die Besichtigung auf einen hypothetischen weiteren Urlaub.

Trotz des ganzen Geraffels kann man sich der malerischen Gesamtanlage nicht entziehen.

Wir machen uns auf die Rückfahrt, über Leenane, von da über die geliebten einsamen Bergstraßen nach Tourmakeady und den Ort mit dem gruseligen Namen Killavally (besser Cill an Bhealaigh) nach Hause. Heute ist ein wenig mehr Zeit für Fotostopps. Wir erwischen sogar noch eins dieser köstlichen „Road liable to flooding“-Schilder.

Am Abend beginnen wir schon mal mit dem Packen. Das Problem ist die Größe des Hauses und die darinnerhalb von zwei Wochen von sehr vielen Leuten überallhin durchmischten Habseligkeiten. Und dann steht uns noch der unangenehmste Punkt bevor: wir entzünden ein Feuer im Kamin.

Das ist eigentlich überhaupt nicht nötig, besser: vollkommen idiotisch. Die Wetterlage habe ich ja mehrmals angedeutet. Es ist nur so, dass die Kinder den Kamin und das darin zu erwartende offene Feuer ungemein faszinierend finden. Weshalb die Gesamtelternschaft versprochen hat, an einem der Abende den Kamin zu heizen. Und Versprechen muss man halten. Papi! Besonders dann, wenn man sie unter Verweis auf die große Hitze von einem Abend zum nächsten verschoben hat. Auf den letzten Abend. Puh.

Ein Sommer und eine Nacht
Montag, 22.7.2013

Bild von gestern, Erklärung im Text.
Erhöhte Wärme

Nach durchschnaufendem (das Wort ist leider nicht von mir, aber ich nerve alle mit der Erkenntnis, wie falsch es ist) Nachtschlaf können wir den Rest einpacken und das Haus in nur geringfügig beschädigtem Zustand zurückgeben.

Leider ist die Zeit hier schon zu Ende. Sogar so leider, dass ich an diesem Tag nicht mal fotografiere. Auf geht’s, zurück nach Dublin. Es ist warm, sonnig und trocken.

Wir versuchen, uns von der Vermieterin noch den Weg nach Moore Hall beschreiben zu lassen. Das haben wir am ersten Tag schon mal gehört: direkt daneben sollte der kleine Strand sein. Aber der Weg schien uns zu kompliziert.

Moore Hall ist – oder war – ein Landsitz einer reichen irischen Familie, der 1923 niedergebrannt wurde, weil die Familie den Anglo-Irischen Vertrag befürwortete. Der Wegbeschreibung zu folgen bedeutet, einige gefühlt andersweisende Schilder zu ignorieren, und mit Geduld und Glück finden wir zumindest die versperrte Zufahrt. Das Schloss selbst ist nicht zu besichtigen oder auch nur zu sehen. Dafür finden wir noch die Badestelle, aber so wirklich schön ist die nicht und auch sehr klein. Zu klein, für uns alle.

In Ballinrobe werfen wir alle gestern mit einer gewissen Hast geschriebenen Postkarten in einen Briefkasten. Ab geht An Post. Gemessen an der späteren Ankunftszeit der meisten von ihnen in Deutschland müssen sie sich quasi sofort auf den Weg gemacht haben. Vielleicht krabbeln sie unbemerkt unten wieder aus dem Briefkasten heraus und heften sich an die Autos.

Im 1996 wie 2013 unscheinbaren Headford essen wir eine Tagessuppe und noch was anderes. In Galway stürzen wir uns wieder auf die Autobahn und rasen nach Dublin. So schnell, dass der Bordcomputer eines der Autos seine Schätzung der Restlaufzeit ärgerlicherweise beständig nach unten korrigiert. Es möchte ja mit leerem Tank abgegeben werden. Dazu müssen wir in Enfield ironischerweise nocheinmal 5 Liter Diesel einfüllen.

Die Autoabgabe gestaltet sich in umgekehrter Kompliziertheit wie die Übernahme. Der Kilometerzähler zeigt 2741 Kilometer an. Holla, die Waldfee. Da muss man sich die Frage stellen (lassen), ob man bei dem ganzen Gefahre überhaupt etwas von Irland wirklich wahrgenommen hat.

Die einfache Antwort ist ja.

Körperliche Erholung hält nur ein paar Tage an. Daneben und vor allem auch die Augen zu baden und das Erinnerungsvermögen aufzuladen, hält viel länger.

Ein vorletztes Ärgernis wartet am Check-In. Ein gruppenzugehöriges Paar hat gemeinsam nur eine Tasche, und die ist zu schwer. Wir packen ein paar Sachen aus der zu schweren in eine neue, leere Tasche, das Gewicht bleibt gleich, das Volumen hat sich vergrößert. Das ist für die Check-In-Perlen dann ok. Die ganze Gewichtsduselei beim Fliegen ist mir ohnehin ein Rätsel: wozu das Hick-Hack, wenn gleichzeitig große Mengen an scheußlichem Essen und Parfums, Akoholika, Zigaretten, Spielzeug und Luxusartikel mitgeschleppt werden, um sie an Bord zu horrenden Preisen an die Passagiere zu verhökern. Wir ringen die Hände und drücken an einer Konsole, an der man den Flughafen bewerten kann, pro Person einmal, also statistisch signifikant, den roten Button.

Das neue Terminal hat einen großen zentralen Wartebereich. Nein, das stimmt so nicht. Der Wartebereich hat zufällig am Rande auch ein Terminal und dient dem Verkauf von vielen teuren Dingen wie z.B. iPads und Avantgarderobe an gelangweilte Leute, denen man zur Erhöhung dieser Langeweile möglichst spät erst mitteilt, von welchem Gate ihr Flug abgeht. Ein Einkaufszentrum mit angeschlossenem Flughafen. Es heißt „The Loop“.

Das gleiche passiert zunehmend auch in Deutschlands Einkaufsbahnhöfen, wo man von entnervten Fahrgästen gefragt wird, wo, zum Geier, eigentlich die Bahnsteige sind.

Welches Irland möchte ich?

Und Sie?

Die gelangweilte Gruppe deckt sich mit Whiskey ein. Nicht zum sofortigen Genuss, so schlimm ist es dann doch nicht. Wir haben noch etwas Zeit und lassen die Zeit auf dem Land Review passieren.

Der Rückflug ist pünktlich und deutlich entspannter als der Hinflug.

Am brodelnden Flughafen Schönefeld ist es Nacht.

Wir nehmen zum ersten Mal seit zwei Wochen die Sonnenbrillen ab. Na ja.

Nicht ganz.

3 Gedanken zu „Tagebuch 2013“

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