Tagebuch 2016

Vorbetrachtung

Im letzten Jahr haben wir Irland Irland sein lassen und den Haupturlaub hauptsächlich am Strand von Georgenstadt verbracht, aber Kriti-sche Reiseberichte gehören nicht auf diese Seite. In diesem Jahr soll es wieder sein: wir frönen zwei Wochen lang kostenpflichtig dem Eskapismus. Dafür bietet allein das bisherige Jahr genug Gründe. Vom restlichen ganz zu schweigen, muss ich rückblickend sagen.

Nach langer Suche und mehreren Absagen aus heiterem Himmel wählen wir ein etwas zu groß geratenes Ferienhaus in der Nähe von Kenmare. Hurra, es geht nach Kerry und West Cork. Beara-Halbinsel, Dingle, Ring of Kerry, Killarney… na mal gucken. Das alles ist in Reichweite und macht den Irlandfan mittelmäßig krabbelig. Dazu passt, dass er nun seit 20 Jahren er ist – und dass es damals auch in dieser Gegend begann.

Ansonsten entsprechen Organisationsstrukturmuster und Teilnehmer der Reise von 2014, und das ist gut so. Anders ist nur, dass wir – ein Novum für den Irlandfan – den Rückflug von Ryanair bestreiten lassen werden, und da haben wir ja Dinge über die gehört, also nein…

From Dublin right after Macroom
Samstag, 30.7.2016

Alle wichtigen Bestandteile eines Irlandurlaubes sind enthalten.
High Road

Aber erstmal müssen wir ja hinkommen. Dies soll Aer Lingus in bewährter gewohnter Manier erledigen. Abgesehen von der unglaublichen Enge und Hetze im Flughafen Tegel funktioniert alles reibungslos. Mir ist aber schleierhaft, warum irgendjemand nach Abzug von Westalgie, Mauersehnsucht und politischer Profilierungsnotdurft diesen Flughafen auch nach der BEReitstellung offen halten möchte.

Bei der Einreise in Dublin wird streng kontrolliert – und sortiert: Eine Gruppe Chinesen am Ausgang für EU-Bürger ist davon sichtlich irritiert.

Der zuständige Autovermieter ist immer noch nur unter Verwendung eines unbequemen Shuttlebusses erreichbar. Wir sind ja noch jung und aus strapazierfähigem Gewebe – aber eine Frage aus Interesse: müssen die Leute, die eine krokodillederbespannte Luxuskarosse gemietet haben, sich selbst und ihr Gepäck auch vorher in diesen leicht ramponierten Kleinlaster stopfen?

Darüber hinaus muss man im Vermieterbüro beim Autoabholen aus einer kleinen Maschine eine Nummer ziehen. Wenn eine Firma groß genug ist, ist sie strukturell von einem Amt nicht mehr zu unterscheiden. Es ist viel los heute. Man bekommt das Auto noch tropfnass aus der Waschanlage, und die Sitze sind noch von den Vormietern warm.

Wir erhalten zwei Instanzen des Ford Focus in diffusem Graubraun – zum Glück hat der eine ein Stufenheck und der andere nicht, sonst hätten wir später viel Spaß beim Suchen der Autos gehabt. Der Bordcomputer hat eine Vorrichtung, die sich Odometer nennt, offenbar ein Sensor zum Messen von Mundgeruch. Die Maßeinheit Kilometer gibt zu denken.

Die Navis sind unterschiedlicher Ansicht über den Weg von hier zur M50 und haben beide recht. Wir umfahren Dublin zügig und nehmen die Abfahrt (N/M7) in Richtung Cork. Ich hatte schon vorab vorsichtig vorgeschlagen, einen curzen Cwischenstopp in Cashel einzulegen, weil man den dortigen Rock of Cashel sonst nicht so schnell wieder mal sieht. Wir unternehmen einen kurzen Spaziergang zur Burg, die aber leider eingerüstet ist. Das verbinden wir anschließend mit dem fälligen Einkauf im Cashelkern durch einen von mir verursachten Abbruch der gegenseitigen Sichtverbindung, und die Mobiltelefone roamen auch nicht so richtig konfoarm.

Am Supermarkt treffen wir uns wieder und kaufen unter anderem zuckerfreien Saft (mit Unmengen Aspartam), griechischen Joghurt (aus Irland), Marmelade (mit Geliersüßstoff), farmfrische Eier (aus Käfighaltung) und Mineralwasserkanister (aus England). Die gesetzlichen Regelungen zur Verbaucherverschaukelung sind eben von Land zu Land verschieden. Die EU sollte da mal eingreifen.

Möglicherweise hat sie das schon getan.

Wir telefonieren mit dem Vermieter, der unsere Schätzung der Restfahrzeit bestätigt, und jagen dann weiter in Richtung Cork, darum herum (dabei in einem Tunnel unter dem Lee hindurch!) und weiter in Richtung Macroom. So, ab hier müsste ich die Gegend ja noch kennen. Es ist zwanzig Jahre her und damals hatten wir nur Fahrräder, aber irgendwie erwarte ich von mir, jedes Blatt noch zu kennen. Diesen Anspruch werde ich mir abgewöhnen müssen, ich erkenne ja schon Macroom kaum wieder.

Das liegt natürlich zu 90 Prozent an Alterungsbeschwerden und zu 10 Prozent an der Verengung der Erinnerung auf Wichtiges – und auf alles, was auf den Fotos zu sehen ist. Darum fotografiere ich ja so viel.

In den von uns damals vom Fahrrad aus verfluchten Bergen vor Killarney verlassen wir die Hauptstraße und biegen bei einem Ort mit dem schönen Namen Loo Bridge („Klobrücke“) in Richtung Kenmare ab. Unser Ziel befindet sich in der Nähe letzterer Stadt. Wir telefonieren uns mit den Vermietern zusammen und besiedeln das Haus. Wie schon erwähnt, ist es sehr geräumig und bequem, nur etwas altmodisch eingerichtet. Besonders über einige der Fliesen und ein paar Quadratmeter Teppichboden möchte ich lieber schweigen. Wir haben einen wunderbaren Blick über den Fluss Roughty und die Berge dahinter. Es ist total roughig.

Zum Abendessen gibt es Pizza, und für die Erwachsenen später noch Guinness aus Schnabeltassen (ein Insidergag).

The Wild Rower
Sonntag, 31.7.2016

Dank Tele-Effekt ja eher die Shlbrn Strt.
Die Shelbourne Street in Kenmare

Beim Frühstück erinnern wir uns daran, dass wir die gestrige Durchquerung der Mautbrücke auf der Dubliner Liffeybrücke noch online bereuen müssen. Spätestens am Tag danach muss man die Fahrt bezahlen. Bei den letzten Malen wurde das bequem über die Mietwagenrechnung geregelt, weil die Autos registriert waren (oder irgendein Gerät dafür an Bord hatten), aber daran wird nun auch gespart. Dank einer unmoralisch hohen roamingfähigen Datenmenge in einem der mitgereisten Mobiltelefone lässt sich das zum Glück recht einfach erledigen. Quadratisch, praktisch.

Wir fahren nach Kenmare und schauen es uns an. Es wirkt wie ein normales irisches Städtchen und ist sicherlich auch eins – allerdings sind die Läden und Pubs überall ein klein wenig schicker und aufstilisierter als anderswo. Zum Beispiel ein Laden für Kleidung namens „Fettgesicht“, in den ich mich ohne Anzug mit knöchelfreien Elf-Zwölftel-Möhren-Hosen und Pelzfresse zuerst gar nicht hineintraue.

Wir flanieren weiter und besuchen die Touristeninformation. Dort verwerfen wir die Idee, es mit den Skelligs zu versuchen, weil man die Überfahrt inzwischen wochenlang im Voraus buchen sollte. Das liegt daran, dass man im siebten Star-Wars-Film kurz sieht, wie Luke Skywalker (offenbar seit Jahren) auf Skellig Michael herumsteht und wartet – und dabei vom Milch- zum Pelzgesicht geworden ist. Wir wollen dort aus ganz anderen Gründen hin, aber deswegen lassen die einen auch nicht vor.

An letzterem hängt unter anderem eine Werbekarte einer außeririschen Kaffeehaus-Kette.
Steinkreis mit Zettelbaum

Dafür finden wir ein Stück westlich hinter einer größeren Baustelle einen Steinkreis, den größten im Südwesten Irlands, samt Zettelbaum. Er wirkt für mich ein wenig zu gepflegt und gärtnerisch, tanzende Druiden kann ich mir hier jedenfalls nicht vorstellen.

Wir besuchen dann das kleine Pier vor der Stadt, wo sich große Ereignisse in kleinen Häppchen ankündigen.

Man bemerkt es anfangs nur, wenn man darauf achtet: ab und zu kommt jemand, stellt nebenbei einen Tisch hin, macht dezent einen Grill an, testet leise Lautsprecher, räumt sanft Kisten aus, winkt leise rangierende Autos ein oder steht engagiert herum. Es werden nur immer mehr. Grund ist, dass nachher mehrere Ruderwettkämpfe stattfinden werden, deshalb kommen auch ab und zu Sportler an oder ein Transporter mit Ruderbooten.

Irgendwann ist auf diese unauffällige Art ein beträchtlicher Trubel entstanden, und die ersten Rennen gehen los. Für mein Gefühl ist es eigentlich zu windig, um in diesen schmalen länglichen Booten nicht zu kentern, das scheint aber niemanden zu stören.

Hinter dem ganzen Rudererpanorama liegen unscheinbar und unbeteiligt die Berge von Beara. Sie warten.

In Kenmare besichtigen wir noch die Ruine der Killowen Church und den Sportplatz. Wir wollen herausfinden, ob hier irgendwann ein Gaelic-Football- oder Hurling-Ereignis abgehalten wird, aber es sieht nicht so aus.

Es ist noch etwas Zeit, darum wollen wir noch durch Moll’s Gap zum Ladies View eilen. Dort ist es unglaublich voll. Man findet nur mit Glück einen Platz, um das eigene Auto dazuzustellen. Man muss es dann nur noch schaffen, sich auf den Ausblick zu konzentrieren, und den Moment abzupassen, wo gerade keine Inder (beispielsweise) auf den Felsen herumkraxeln.

Wir verlieren uns schon wieder in genau dem Moment, wo die ganze Technik irgendwie versagt, und treffen uns einfach am Haus wieder.

One small toy for one small boy
Montag, 1.8.2016

Trotz Schnellfluss erstaunlich still.
Roughty Bridge bei hohem Pegelstand

Heute regnet es ziemlich gründlich. Der Fluss vor dem Haus muss das alles wegschaffen, das wird noch interessant.

Wir fahren zunächst über die Klobrücke nach Killarney. Nach den Erfahrungen gestern erscheint uns dieser Weg besser ausgebaut und nicht so voll wie der über den Ladies View. Wir wollen einkaufen und prüfen, ob dort oben das Wetter besser ist.

Das ist leider nicht der Fall, darum fahren wir in Richtung Macroom. Dort gibt es eine Fabrik für Zinnsoldaten. Weiß noch jemand, was das ist? Wir folgen beharrlich den Hinweisschildern und finden die Fabrik. Dort kann man sich die Herstellung anschauen bzw. selbst teilnehmen und das Objekt bemalen. Hinten sind weitere Werkstätten sowie eine große Szene aus der Schlacht von Waterloo aufgebaut. (Das müsste ja dann Wasserklo heißen. Irgendwo steckt da ein Fehler.) Für viel Geld kann man auch einkaufen, z.B. Schachfiguren, Zinnguss für den Hausgebrauch und filigran gestaltete Gestalten aus Fantasyfilmen.

Da niemand dem Regen gesagt hat, dass das irische Wetter wechselhaft ist, macht er einfach weiter. Wir fahren in das Tal Beal na Blath, an die Stelle, an der 1922 Michael Collins in einem Hinterhalt von Freistaat-Gegnern erschossen worden ist (siehe auch Chronologie). Es gibt eine kleine Gedenkstätte, und der Ort ist sonst unauffällig und verlassen.

Wir fahren zurück nach Kenmare und durchstöbern dort kurz den Buchladen, was eine der schönsten Urlaubsbeschäftigungen ist.

Zurück zu Hause stellen wir fest, dass der Fluss ziemlich stark angeschwollen ist. Es regnet immer noch und in der ganzen Gegend plätschert und gluckert es. Irgendwo muss das ganze Wasser ja hin.

Abends liest der Irlandfan allen Kindern und Erwachsenen irische Märchen vor (auf Deutsch). Auf dem Buch steht zwar nicht „für Kinder“ drauf, aber „zum Vorlesen“. Leider geht es trotzdem teilweise ziemlich zwischenmenschlich-direkthautkontaktig-happig darin zu, und der Dozent muss, ohne den Wortschwall stocken zu lassen, sinnerhaltend ganze Absätze umformulieren oder weglassen. Ich glaube, die Kinder haben es nicht gemerkt, aber die Erwachsenen heben eine Augenbraue. Vielleicht findet Herr Hetmann, der Herausgeber, das ja witzig, aber ab heute werde ich die Märchen schon mal vorab sieben.

Eyeries‘ Eyes are smiling
Dienstag, 2.8.2016

Ist das schon ein Strand oder noch nicht?
Am Meer in der Nähe von Eyeries

Wir möchten heute nach Eyeries fahren, ein kleines Dorf auf Beara. Es ist in Irland bekannt wie ein bunter Hund, seit alle Häuser in Folge eines Filmdrehs 1997 komplett bunt gestrichen wurden und man darum in ganz Irland Postkarten von Eyeries bekommt. Der Irlandfan war 1997 und 1999 hier, um im Kilcatherine English Centre Englisch zu lernen, und die Gegend gefiel ihm sehr.

Der Regen hat sich in zunehmend nachlassenden Sprühregen verwandelt, und das ist ok. Wir finden Eyeries noch genauso bunt vor, und der keltische Tiger hat auch hier ein paar neue Häuser und Straßenzüge errichtet. Es sind auch ein paar mehr Touristen – also mehr als Null – da.

Wir lassen die Autos stehen und wandern allein auf dem Eyeries Eco Walk hinunter zur Küste. Dort verwandeln wir die Kinder in Samse – die Iren machen das ja schließlich auch so – und schicken sie baden. Hinterher wandern wir weiter entlang der Felsenküste mit ständig neuen Klippen und Ausblicken. Bei einer größeren Ruine verlassen wir die Küste wieder und laufen zurück nach Eyeries. Auf der Straße fährt ein Auto an uns vorbei, an dessen Steuer die Inhaberin des damaligen Englischzentrums zwar sitzt, auf Hüpfen und Winken aber überhaupt nicht reagiert.

Da es in Irland kein typisches Eisesswetter gibt, essen wird noch jeder ein Eis und fahren zurück nach Kenmare / Hause.

Am Abend suche ich im Netz nach dem Englischzentrum, finde etwas anderes und versuche eine Kontaktaufnahme. E-Mail ist so neunziger.

The devil’s dead and buried in Killarney
Mittwoch, 3.8.2016

Blick in Richtung Muckross Lake
Blick in Richtung Muckross Lake

Für heute planen wir, uns in und um Killarney einmal umzuschauen. Auch wenn man grundsätzlich dem ganzen Tourismusrummel ausweichen möchte, verschwinden die lohnenden Sehenswürdigkeiten deswegen ja nicht woandershin.

Und der Dauerfeuchtigkeit und dem Wechselregen leidet übrigens die Kleidung etwas. Wir waschen ständig Wäsche und hängen sie auf die Leine, nur um sie fünf Minuten später wieder hereinzuholen und weitere fünf Minuten später wieder hinauszuhängen. Es mangelt dem Haus an einem größeren Indoorwäscheständer, Platz wäre da.

(Vor zwei Jahren hatten wir sogar einen so genannten „Dryer“. Man konnte dort nasse und kalte Wäsche hineinstecken und nach einer Stunde nass und warm wieder herausholen. Um die Stellung der ganzen Drehknöpfe und Schalter scherte er sich nicht. Das Ziel „trockene Wäsche“ hatte er nicht so ganz verstanden.)

Ein weiteres Problem sind die nassen Schuhe. So trocknen die ja nie. Es gibt im Haus einen kleinen Verschlag, in dem sich der elektrische Wasserheizkessel befindet, und dort ist es unglaublich warm. In diesem Brutschrank lagern die Handtücher und seit neuestem auch unser Schuhwerk. Trotzdem ist es normalerweise bis zum nächsten Morgen nicht trocken.

Heute fahren wir nochmal über Moll’s Gap, wo sich wahrscheinlich die Inder mit gutem Recht darüber ärgern, dass wir auf den Felsen herumkraxeln, in Richtung Killarney. Der Torc-Wasserfall wäre ein guter Einstieg, wir finden aber auf dem düsteren Parkplatz keinen Parkplatz und geben es auf. Am Muckross House klappt es besser. An den Riesenparkplatz kann ich mich nicht mehr erinnern und zweifle nun, ob er damals schon da war oder nicht.

Vorbei am Muckross House kommt man in ein weitläufiges Gebiet aus Wanderwegen und Aussichtspunkten, vielleicht wirkt es deshalb nicht voll. Es nieselt stetig. Oder deshalb.

Am wunderschönen, malerischen Muckross House selbst finden Fassadenarbeiten statt, weshalb der rankende Wein leider abgerissen worden ist. Das schadet nachhaltig dem optischen Eindruck dieses hässlichen verbauten dunkelgrauen Klotzes. Während wir noch davorstehen, kommt eine Frau auf uns zu und bittet uns scheinbar höflich, mal richtig weit weg zu gehen, damit ihr Mann uns nicht im Bild hat. Hey, this is Killarney after all. Deal with it, or use Photoshop.

Während der Regen langsam aufhört, spazieren wir durch den Park und zur Muckross Friary (oder doch Abbey). Dazwischen hieven wir die Kinder auf einen Baum, damit es aussieht, als hätten sie ihn selbst bestiegen. Dass sie dazu keine Lust haben, tragen sie mimisch auch auf den Fotos zur Schau und entlarven damit unseren elterlichen Fremdehrgeiz. Wir weisen das Etikett „Helikoptereltern“ natürlich weit von uns, sonst hätten wir ja die Seilwinde genommen.

In der Muckross Friary
In der Muckross Friary

Die Muckross Friary ist wie immer, aber verwinkelter als in der Erinnerung. Und der verschraubte Baum im Kreuzgang ist immer noch da.

Zurück in Killarney kaufen wir Schuhe, um die Trockenphasen zu verlängern, und Essen für den Abend. An einige Ecken der Stadt kann ich mich erinnern, finde Killarney aber ziemlich zugebaut. Wir fahren nach Kenmare, um Eis in der Nähe vom Fettgesicht zu essen. Zum Abendessen gibt es Reste und Angus.

The grass is always greener over there
Donnerstag, 4.8.2016

Glanmore Lake / Nordseite des Healy Pass
Glanmore Lake / Nordseite des Healy Pass

Heute gibt es ein amtliches irisches Frühstück. Dazu passt das sehr sonnige Wetter. Auf ans Meer! Genauer: die Kabelbahn nach Dursey Island an der Spitze der Beara-Halbinsel.

Zuerst hält uns der Healy Pass auf. Schon an der Nordseite ist der Ausblick schön: von der Straße blickt man tief hinunter auf einen See und grüne Landschaft. Das gibt es auf der Südseite nicht mehr, dafür kahle Felsen und bestenfalls Gras. Die Straße schlingelt sich hinab zur Küste und ist weit zu sehen. Ich erinnere mich an den Plan, hier einmal bei Dunkelheit langzeitzubelichten, und starte eine Umfrage nach Gleichgesinnten.

Healy Pass, Südseite
Healy Pass, Südseite

Hinter dem Healy Pass hält auch uns ein alter Mann auf, der mitten in der Wildnis an der Straße Autos stoppt und allen Insassen die Hand gibt.

Weil es schon nach dem Mittag ist, fahren wir ohne weiteren Stopp über Castletownbere nach Dursey Island. Das letzte Stück Straße ist sehr eng und der Parkplatz ziemlich groß. Wir kommen gerade rechtzeitig zur Seilbahn, um zu sehen, wie ein alter Mann ein Schild aufhängt, dass nun keiner mehr rüberkommt. Eine einfache Rechnung begründet das: pro Fahrt können 6 Leute in die Kabine, die wie ein Frachtcontainer aussieht. Eine Fahrt dauert 15 Minuten. Da die Zahl der Inselbesucher bekannt ist (man hat sie ja gerade hinübergeseilt) und man stillschweigend davon ausgeht, dass niemand drüben bleiben möchte, kann man dann ausrechnen, wann man niemanden mehr hinüberschicken darf, wenn man pünktlich Fire Evening haben will.

Schade. Verdammt noch mal. Das Wetter ist ja hier auch nicht immer so, dass die Seilbahn fährt.

Übrigens ist selbst hier, an einem der westlichsten Punkte Europas, Moskau deutlich näher als New York. Wer mag, kann das politisch interpretieren, aber dann nicht mir irgendwas unterstellen.

Dursey Island
Dursey Island

Wir nehmen einen Imbiss ein und genießen dabei den Ausblick. Eine freche Möwe hat dagegen nur Augen für potenziell herrenlose Pommes. Wir fahren ein kurzes Stück zurück und halten am erstbesten Strand. Dort hat man einen wunderbaren Blick in Richtung Allihies und die Berge. Alle haben Spaß, und es fällt der Beschluss, im nächsten Jahr hier auf Beara entschleunigten Urlaub zu machen.

Auf der Weiterfahrt halten wir noch kurz am Loughane More Ringfort, abgesehen von Lage und Aussicht aber nicht sehr spektakulehr. Aber man fragt sich, wer das tiefe Loch in der Mitte gebuddelt hat und warum. Und wo er jetzt ist.

In Allihies tanken wir und essen das fällige Eis und fahren dann weiter vor dem Sonnenuntergang davon. Bei mehreren Fotostopps fallen uns andere randvoll gefüllte Autos auf. Die halten zunächst per Vollbremsung, dann springen die Insassen heraus, rennen los und verteilen sich, in der Hand zuweilen Zeilen. Dort weilen sie aber keine lange Zeit, sondern eilen wieder in die Autos und fahren weiter.

Irgendwann fragen wir einen der Leute, und er teilt uns mit, dass auf ganz Beara von einem Radiosender eine Schnitzeljagd abgehalten wird. „It‘s great fun.“ – „Ok, aber fahrt vorsichtig.“

Abendküste auf Beara
Abendküste auf Beara

In einem weiteren Dorf kommen uns an einer unübersichtlichen scharfen Rechtskurve plötzlich Rinder im vollen Galopp entgegen. Wären wir fünf Sekunden eher – oder zehn Fotos weniger – hier gewesen, wäre das Leittier ungebremst in die Autos geprallt. So scheuen sie nur ein bisschen herum und rennen dann in eine andere Richtung, kommen zurück und werden von einem Landwirt wieder auf die Weide getrieben. Dieses Ereignis schlägt auf den Pansen und steckt uns auf dem letzten Stück der Fahrt noch ein wenig in den Rippchen.

Big Ship sailin‘ on the Ocean
Freitag, 5.8.2016

Uragh Stone Circle
Uragh Stone Circle

Für heute planen wir eine Fahrt mit dem seltsamen Pott, der ein paar Kilometer außerhalb von Kenmare bei einem Leisure Center startet, und auf dem „Kenmare River“ genannten Meeresarm herumschippert und auch zu den Robbenbänken fährt.

Am Leisurenzentrum klären wir Preise und Abfahrtszeiten und stellen fest, dass wir noch fast zwei Stunden Zeit haben. Darum fahren wir ein Stück weiter entlang der Beara-Nordküste und biegen dann nach links in ein schönes Seitental ab, wo uns eine schmale, gewundene und einsame Straße vorbei an ein paar kleineren Seen bis fast zum Uragh-Steinkreis bringt. Kurz vorher steigen wir aus und laufen das letzte Stück.

Das ist toll hier! Man blickt vom Steinkreis über den Lough Inchiquin (oder manchmal auch Inchaquin) bis zu den bewaldeten Höhen samt Wasserfall.

Und zwar allein. Bei Superwetter.

Wir steigen noch ein wenig auf den Felsen herum und fahren dann zurück zum Pier.

Wir betreten die „Star of Kenmare“. Ein älterer Herr ist der Kapitän und fragt jeden Fahrgast nach seiner Nationalität, denn er möchte CDs mit Audiokommentaren auflegen. Später kommt er nochmal unter Deck und fragt sicherheitshalber noch mal nach. Am Ende deutet er auf uns und fragt, ob wir auch Franzosen seien. Wir sagen „Nein, Deutsche“. Er schweigt irritiert und blickt sich hilfesuchend im Raum um, und wir sagen zusammen mit den meisten Anwesenden, lauter „German“. Er lauscht dem Wort noch etwas zu lange nach und fragt dann „German, is it?“

Nachdem der Kenmarestern die schützende Bucht und die vorgelagerte Privatinsel verlassen hat, beginnt der Wind recht stark auf ihn einzuwirken. Das Wetter ist schön, aber das Meer ist kabbelig. Wir umkreisen die Robbenbank zwei Mal, beim zweiten Mal haben die Passagiere vom Oberdeck mit denen von unten sorgfältig und wohlorganisiert die Plätze getauscht. German, it is. Die CD aber ist nicht eingelegt worden.

Wir passieren auch noch zwei Schlösser, eines davon ist Dromore Castle, auf der Kerry-Seite der Bucht.

Beim Freizeitzentrum spielen wir nach der Rückkehr Minigolf (teilweise) und entdecken dann ein Schild „Fresh Fish for Sale“. Oben im Restaurant gibt es Eis, und ein paar Stücken Lachs liegen in der Auslage. Das ist aber nur die unverkäufliche und geshrinkwrappte Deko, für den echten Fisch müssen wir dem Schild die Straße hinauf folgen. Wir folgen dem Schild die Straße hinauf und stehen verlassen auf einem Gewerbehof umringt von weißen Hallen. Alle Eingänge sehen überhaupt nicht nach Verkauf aus. Als wir schon aufgeben wollen, kommt ein Mann aus einem großen Tor und wischt sich die Hände an der Schürze sauber. Der Irlandfan fragt ihn, wo der Fischverkauf wäre. Gegenfrage: Welche Sorte Fisch, und wie viel. Ähm, na Lachs… 500 Gramm… „I‘ll be right back.“ (Deutsch etwa: Ich bin dann mal rechts hinten.)

Kurz darauf kommt er zurück, ein Stück Fisch in der Hand. Er beginnt, ihn in eine Tüte zu packen, und sucht dann eine Waage. Währenddessen ist ein Kollege mit dem Auto gekommen und fragt leicht ironisch: „Ach, machst du jetzt den Verkauf, ja?“

Der Fakt, dass ich als Fischverächter das Gespräch mit dem Fischwächter geführt habe, wird sich – tatsächlich zum Teil durch Gelächter – noch prächtig rächen. (Auch wenn dieser Satz vielleicht nicht besonders gelungen ist, kann man mit etwas Bastelei zumindest einen Zungenbrächer draus machen.)

Wir spazieren noch etwas durch Kenmare, nehmen einen Imbiss und einen Einkauf zu uns und fahren dann nach Hause. Dort ernte ich über die Fischtüte hinweg verwirrte Blicke.

„Der ist ja frisch!“

„Ja natürlich, das… stand da… auf dem… Schild…“

„Aber dann müssen wir den ja gleich essen.“

„Wolltet ihr den nach Deutschland mitnehmen?“

„Nein, aber du hättest wirklich geräucherten Lachs kaufen sollen.“

Ich kenne mich halt nicht so aus. Wir legen den Fisch erst Mal ins Gefrierfach.

The Mountain Few
Samstag, 6.8.2016

Straße in Kerry
Straße in Kerry

Anne O‘Carroll, die Inhaberin des damaligen Englischzentrums hat geantwortet. Wir verabreden uns für Dienstag. Wird bestimmt lustig. Es war für mich eine schöne Zeit damals, und es gilt in den Erinnerungen zu buddeln.

Ziel ist heute ein Versuch mit Teilen des Ring Of Kerry. Angeblich soll es da ja sehr voll sein, und es gibt sogar Empfehlungen, ob man den Ring im Uhrzeigersinn oder entgegen fahren soll. Ich vergesse nur immer, welche Richtung es war. Na, egal. Das ist eine Erfahrung, die darauf wartet, gemacht zu werden, und darum bis dahin positiv zu bewerten.

Über Moll‘s Gap fahren wir hinunter in Richtung das Black Valley. Bei dieser Abbiegung lässt man schon den meisten Verkehr hinter sich, denn es geht hier zwar auch nach Sneem, aber nicht so schnell. Gleich danach biegen wir nochmal rechts hinab und sind allein. Abgesehen von den beiden Lastern, die sich mühselig die Serpentinen hochschrauben und weiträumig umfahren werden müssen.

Kurz darauf sind wir am Fuß des Tales an einer T-Kreuzung und überlegen, ob wir nach links oder nach rechts sollen. In beide Richtungen ist die Straße genau so breit wie ein Auto. In der Mitte ist auch schon Gras gewachsen. Wir stechen kurz nach rechts ab, Richtung Killarney. Auf diesem Weg ist der Irlandfan seinerzeit (1997) mit dem Rad bis über das Gap Of Dunloe und nach Killarney gefahren. Nach einem Zwischenstopp an einem seltsamerweise kaum wasserführenden Wasserfall (mit mehr Wasser wäre der sicher imposanter) fahren wir weiter, bis die Zahl der Wanderer stark zunimmt, und soweit ich weiß, darf man mit dem Auto eh nicht durch das Gap.

Also wenden wir, fahren zurück zur T-Kreuzung und nun geradeaus weiter. Die Straße führt lange durch einsame kahle Berge, hoch hinauf und tief hinab, durch mystische Nebelwolken und Niesel, und hoffentlich ist heute nicht der Tag der Müllabfuhr.

Das andere Auto bleibt mit einem Rad in einem unsichtbaren üblen kleinen Loch am Straßenrand stecken. Das erfordert manuelle Mitarbeit von allen und dazu noch die Hilfe von Insassen eines anderen Autos.

Wir kommen an einen kleinen See namens Brin und führen im Matsch stehend ein Picknick durch. Dann geht es weiter und wir kommen überrascht in der realen Welt und dann in einem Zivilisationskonzentrat namens Sneem heraus. Dies ist eine kleine Stadt, die aus Reisebussen besteht, zwischen denen Touristen die Straßen ohne Seitenblick überqueren. Also ein bisschen wie in den ehemaligen Berliner Szenebezirken.

Wir wollen das nicht und fahren, nun endlich offiziell auf dem Ring Of Kerry, clockweise, weiter zum Staigue Fort. Die Anfahrt erfordert mal wieder Geduld und die Fähigkeit, erst später aufgeben zu können als die Leute, die die Hinweisschilder aufstellen. Deshalb finden wir das Fort und tasten uns durch den Nebel. Aus den Informationstexten geht hervor, dass man von hier das Meer sehen kann, wir können das aber nicht prüfen.

Auch irritiert es uns, dass man auf die Mauern steigen darf, obwohl sie nur aus losen Steinen bestehen.

Wir fahren dann zurück und entdecken ein Städtchen namens Sneem. Es besteht aus Häusern und Straßen. Auf einem Stuhl vor einem Café schläft eine Katze. Die ganzen Busse sind weg, alle Bustouristen sind im Körbchen, darum finden wir ein kleines Café mit Käseverkauf und freien Plätzen und können auch noch ein Eis essen. Tief entspannt.

Zum Abendessen gibt es den versehentlichen Fisch.

On the lonely Banna Strand
Sonntag, 7.8.2016

Am Banna Strand
Am Banna Strand

Das heutige Ziel ist Tralee und die Umgegend. Dorthin fahren wir auf dem schnellsten Wege, das heißt über Killarney.

Dank Navigation finden wir in Tralee gut durch die verwinkelten Einbahngassen zum Museum. Das kündet schon von weitem von einer Sonderausstellung zu Roger Casement, der von der Aufmerksamkeit zum hundertsten Jahrestag des Osteraufstandes auch etwas abbekommen hat. Seinerzeit hatte er ein Projekt am Laufen, mit einer deutschen Waffenlieferung zum Aufstand beizutragen. Er kam bei Tralee an Land, wurde aber verhaftet und später hingerichtet. Ansonsten bietet das Museum anschaulich die irische Geschichte dar und außerdem eine Mittelalter-Experience, die m. E. eher Platzverschwendung ist und aussieht wie eine beschriftete Filmkulisse.

Wir fahren weiter zum Banna-Strand nördlich von Tralee. Der ist riesengroß, und das hat zur Einrichtung eines unübersichtlichen Gewirres an Straßen und mobilen Heimen im flachen, ziemlich baumlosen Hinterland geführt. Wir finden einen Parkplatz hinter den Dünen und laufen den Rest. Es ist stark windig, weil wir von den Dünen geschützt sind. Als wir dann den letzten Hohlweg zum Strand nehmen, trifft uns der noch viel stärkere Sturmwind knüppelhart ins Gesicht. An Verständigung oder entspannende Freizeitaktivität ist nicht zu denken. Nicht dass ich es nicht versucht hätte: der Knoten ist immer noch im Drachen, von den Leinen ganz zu schweigen.

Der Banna Strand zieht sich sehr breit und in einem weiten Bogen die Küste entlang, und es erscheint klar, warum Roger Casement hier unmöglich unbemerkt an Land gehen konnte. Wir treten den Rückzug mit Rückenwind an und finden noch ein kleines Denkmal für Roger Casement und seine Mitstreiter.

Ardfert Cathedral of St. Brennan
Ardfert Cathedral of St. Brennan

Im Anschluss besuchen wir noch die Kathedrale zu Ardfert, wo sich noch etwas Nieselregen in den Wind mischt. Da er aber waagerecht ist, schützen die Mauern auch ohne Dach. Es gibt hier viele verschieden ausgestaltete Fenster- und Türbögen, und die Wände sind schief und krumm. Warum auf dem Dach Zinnen sind, weiß ich aber nicht.

Über Killorglin fahren wir in Richtung Killarney. Diesen Umweg nehmen wir, weil er laut Karte schön sein soll. Das ist ein Irrtum. Erst auf dem letzten Stück vor Killarney treten das Gebirge rund um den Carrauntoohill wieder ins Blickfeld.

Wir erledigen den Einkauf und braten Burger.

It’s raining, man!
Montag, 8.8.2017

Mizen Head
Mizen Head

Am Morgen regnet es sehr stark. Wir beraten über eine Fahrt zum Mizen Head, der „südwestlichsten Spitze Irlands“, was auch immer das geometrisch genau bedeuten soll. Aber bei dem Wetter? „Laut Wetter-App scheint dort die Sonne.“ – „Nee, is klar.“ Wir wollen uns nicht verapplen lassen, aber die Hoffnung ist stärker, darum fahren wir trotzdem.

Und zwar über Glengariff in Richtung Bantry. Kurz vor Bantry tritt genau der angekündigte Wetterumschwung ein, und zwar ohne wirklichen Übergang. Wir durchfahren einen Ort, der Ballydehob heißt, und einen namens Schull. Das ist schon mal super.

Wir halten kurz an einem „Altar Wedge Tomb“. Das heißt so, weil es beides war: ein Ganggrab bei den alten Kelten und im 18. Jahrhundert ein Altar, als die Strafgesetze die Ausübung der katholischen Religion verboten.

Die Sonne brät.

Die Anfahrt zum Mizen Head ist sehr schmal und weitet sich dann zu einem langgestreckten, großen, windigen Parkplatz. Man erblickt schon Teile einer Steilküste, wo sich die windgepeitschten Wellen brechen und Schaumküsse in die Luft werfen.

Auf einem Schild weist ein Pfeil nach rechts in ein Gebäude, dazu die Information, dass der Eingang links liegt. Drinnen gibt es eine Ausstellung, eine Cafeteria und einen Andenkenshop. Für einen kleinen Eintritt darf man die vielen Pfade zu verschiedenen Aussichtsplattformen entlangwandern, eine spektakuläre Brücke queren und die alten Leuchtfunkturmgebäude besichtigen.

Damit habe ich jetzt schon das meiste verraten. Aber man sollte es gesehen haben. Von beinahe jedem Punkt aus ergeben sich neue Perspektiven auf die Steilküsten. Die höchsten Fontänen entstehen immer dann, wenn man die Kamera nicht parat hat. Von der Brücke erblicken wir tief unten ein paar Robben. In den Gebäuden gibt es kleine Ausstellungen über das Leben der Leuchtwärter und neuzehnzollschränkeweise rätselhafte technische Gerätschaften. Eine Puppe nimmt ein irisches Frühstück zu sich. Durch die Fenster scheint die Sonne herein. Am Ende des Weges ist der Wind am stärksten und der Blick am schönsten.

Mit etwas Mühe erkennt man weit draußen Fastnet, einen Leuchtturm auf einem kleinen Felsen und Namensgeber einer Hochseeregatta. Diese Insel war das letzte Stück Irland, dass die schiffsreisenden Auswanderer für lange Zeit – oder für immer – sahen. Der Bau dieses Leuchtturms wird auch in der Ausstellung beschrieben: er besteht aus kunstvoll verschachtelten Granitblöcken, die somit allein schon sehr widerstandsfähig gegen die starken Winde und hohen Wellen sind. Nicht direkt Lego, aber im Ergebnis ähnlich.

Floating walkway
Schwimmbrücke

Wir fahren zurück zum Barleycove Strand, passend zur Sonne. Vom Parkplatz geht man noch ein Stück über eine aus schwimmenden Kunststoffpuzzleteilen bestehende Wackelbrücke. Das Wasser ist hier auch sehr kalt. Wie die anderen das aushalten – Samsanzug hin, Samsanzug her – kann ich nicht verstehen, mir frieren ja nach einer Minute die Füße ab. Trotzdem ist es schön hier und auch gut besucht.

Wir versuchen anschließend noch zum Three Castle Head zu kommen. Darauf weisen uns Karte und Schilder hin. Wir geben aber auf auf Grund der vorgerückten Stunde und der Unsicherheit darüber, wie weit das noch zu Fuß ist.

Dafür essen wir in einem Pub in Durrus, das eine Art Biergarten hat, einen abendlichen Imbiss.

A Pub with no Beer
Dienstag, 9.8.2016

Auf der Beara-Halbinsel
Auf der Beara-Halbinsel

Für heute plant eine Teilgruppe, zu der der Irlandfan gehört, wie schon beschrieben den Besuch bei dessen vormaliger Englischsommerschule. Da dafür sehr viel Zeit ist, sind wir faul.

Dann stellen wir fest, dass kein Wasser mehr aus den Leitungen kommt. Zunächst denkt man ja immer: „Irgendwas ist mit dem Wasserdruck.“ Aber es wird nicht besser, im Gegenteil. Einmal mehr ist das hochironisch: in Irland ohne Wasser zu sein.

Wir rufen beim Vermieter an, und da er in der Nähe wohnt, kommt er schnell herbei. Er steigt in das Obergeschoss und horcht. Beim dritten Mal Horchen hört man leise Wasser rauschen. Er blickt zufrieden und erklärt (wenn ich das richtig verstanden habe), dass oben im Dach ein Speicherkessel ist, der sich manchmal, wenn der Druck nicht reicht, nicht richtig auffüllt. Ok, danke!

Ein weiterer zu erledigender Punkt ist der Online-Checkin für den Rückflug, aber eigentlich mag ich noch gar nicht daran denken.

Wir fahren dann gen Eyeries und von dort versuche ich mich optisch zu orientieren. Und es funktioniert! Ich finde die Einfahrt (mehr oder weniger das erste Mal selbst am Steuer) und wir tasten uns vorsichtig die ziemlich unebene und sehr felsige Fahrspur entlang.

Es folgt ein herzliches Wiedersehen.

Kurzzusammenfassung des folgenden: wie es uns jeweils ergangen ist, was damals war und wie es heute ist. Die Englisch-Schule gibt es nicht mehr, dafür vermietet Frau O‘Carroll nun eine kleine Kabine (ein Ferienhäuschen) an Feriengäste und Leute, die die wahre Einsamkeit suchen (gleichwohl vielleicht auch die frei wählbar wohldosierte Geselligkeit zu schätzen wissen). Für uns wäre es etwas zu klein, aber ich verlinke die „Creativity Cabin“ hier mal, falls ein geneigter Leser oder zwei Interesse haben.

Es stellt sich nebenbei heraus, dass es gar nicht Frau O‘Carroll war, die ich anderntags in Eyeries gesehen hatte. Heh.

Wir schließen einen Steinküstenspaziergang samt Beachcombing („Strandkämmen“) an. Jemand hat einen halb verwesten Delfin gefunden und irgendwo festgebunden, damit die nächste Welle ihn nicht wieder mitnimmt. Teile des Skeletts sind bestimmt dekorativ. Wir nehmen eine Bandscheibe mit, homöopathisch verpackt. Die lüftet immer noch draußen am Fenster hängend aus.

Wir essen zu Abend, verabschieden uns herzlich und fahren über die etwas längere und noch viel engere Küstenstraße bis Ardgroom und von da normal nach Hause.

And we walked to Tir Na Nog
Mittwoch, 10.8.2016

Gougane Barra
Gougane Barra

Heute wird es richtig abgelegen. Wir suchen die einsamen Straßen in den Bergen und finden genügend. Das alles bei strahlendem Sonnenschein.

Zunächst fahren wir in Richtung auf die Toilettenbrücke und biegen kurz davor rechts ab. Wir nähern uns Béal Átha an Ghaorthaidh, welches man etwa Ballingeary ausspricht, aber da es Gaeltacht ist, gilt nur der irische Name, der außerdem besser aussieht. Wir essen Eis und betrachten Informationstafeln über den Osteraufstand.

Dann fahren wir weiter nach Gougane Barra. Das ist ein See in einem Seitental, und auf einer kleinen Insel darin gibt es ein auf den heiligen Finbarr zurückgehendes altes Kloster mit einer kleinen Kirche und alten Gemäuern mit Bildern und Inschriften. All das ist unrealistisch malerisch und still. Zur Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche ziehen hier Pilgerscharen über die Berge.

In einem kleinen Laden kaufe ich ein manchmal augenzwinkerndes, aber differenziertes und fundiertes Buch über die irische Anderswelt.

Wir fahren weiter durch eine schmale und sonnige Schlucht, besichtigen das Carriganass Castle und kommen überrascht in der richtigen Welt namens Ballylickey wieder heraus. Wir wollen versuchen, hinter Bantry einen Strand zum Herumliegen zu finden. Das gelingt uns nicht, wir finden nur einen steinigen flachen Strand mit vielen kleinen Pfützen. Stattdessen flanieren wir noch kurz durch Bantry.

Am Abend fahren zwei der Fotografiebegeisterten nochmal zum Healy Pass, um die Sache mit den Lichtspuren durchzuprobieren. Es gibt eine gute Stelle zum Anhalten, und während wir die Fototechnik auspacken, verschwinden die anderen Autos von hier.

Und dann kommt keines mehr.

Wir beschließen, dass der Irlandfan samt Kamera oben bleibt und der Bundesgenosse das Auto die Serpentinen hinunterfährt. Es funktioniert auch halbwegs, nur sind leider die Funkgeräte alle. Dann kommt noch ein Radfahrer, der nicht ungegrüßt, aber grußlos vorbeifährt, und dessen Licht noch eine weitere Aufnahme erlaubt, aber nun ist es schon etwas zu dunkel. Man sieht nur noch die Lichtspuren, aber keine Gegend mehr.

Healy Pass by night
Healy Pass by night

Ich habe es geschafft, mittels Ausschneiden – Kapieren – Einfügen aus den Teilen ein etwas besseres Bild zu machen. Aber voll zufrieden ist etwas anderes.

El Conor Pasa
Donnerstag, 11.8.2016

Conor Pass
Conor Pass

Wir wollen heute noch einmal eine weite Tour wagen und darum nach Dingle fahren. Das Ziel ist die Stadt, aber wir wollen auch die Landschaft sehen. Und für eines der Kinder ist zwingend ein Fußball-T-Shirt des mir völlig unbekannten Robbie Keane zu erwerben.

Auf der Fahrt nach Tralee wird das Wetter zunehmend besser. Nördlich davon ist es sogar sonnig. In einem Supermarkt vertut sich  der Kassierer, weil er zeitgleich über ein Headset mit irgendwem telefoniert, massiv zu unseren Ungunsten. Ich bin darüber sauer. Nicht über den Fehler, sondern darüber, dass er aus Unhöflichkeit entstanden ist. Dann steuern wir in Richtung Westen. Wir weichen von der N86 ab, was prinzipiell eine gute Entscheidung ist, weil die Straße uns nun über den Conor-Pass nach Dingle bringen wird.

Wenn ich das richtig zusammenbringe, wurde der Pass nach einem peruanischen Volkslied, das bei uns in der Interpretation von Starsky und Hutch so richtig berühmt wurde, benannt. Der andenhafte Straßenverlauf beweist das.

Es ist aber wolkig geworden, und die Straße führt immer weiter den Berg hinauf und in die Wolken. Außerdem ist sie sehr eng, und überall halten Touristen an, um die wilden und steilen Berge zu fotografieren. Dabei behindern sie die nachfolgenden Touristen und wir auch; manche versuchen gar, andere in kleine Unfälle zu verwickeln.

Plötzlich sind wir in Dingle, der Stadt, und finden mühselig Parkplätze. Die Stadt ist sehr voll und geschäftig. Wir laufen durch die Straßen und fragen in allen Touristenläden nach Keane-Shirts und finden keins. Wahrscheinlich haben wir im Zustand der Desorientierung in manchen Läden auch mehrfach gefragt. Ich mache, wie ich später feststelle, nicht ein einziges Foto in der Stadt. Ich hatte mir auch naiv vorgenommen, die Straßen zu entdecken, durch die Duane Fitzgerald in „Der letzte seiner Art“ gelaufen ist, aber bei dem ganzen Getöse vergesse ich das völlig. Wahrscheinlich hätte ich alle anderen auch nur damit genervt.

Immerhin finden wir als vielleicht nicht ganz vollwertigen Ersatz für Keane ein mit komplexer Symbolik aufgeladenes Shirt mit Meister Yoda, der mit einem Guinness-Glas vor der Silhouette der Skelligs steht.

Wir werden aus Dingle nicht schlau und fahren deshalb Richtung Westen, weil wir entlang der Südküste zurückfahren wollen. Bei einem Abstecher finden wir das Minard Castle, das sehr malerisch direkt neben einer Flussmündung am Meer liegt, und den daneben liegenden Strand. Hier gibt es die ersehnte Ruhe, und die ganz Mutigen gehen baden.

Inch Beach
Inch Beach

Auf der weiteren Rückfahrt haben wir sehr schöne Blicke auf das Meer und später auf Inch Beach, der als eine lange Sanddüne ins Meer hinausragt. Der ist so groß, das jeder der kleinen Menschen dort unten genug Platz hat, sein Strandhobby auszuleben.

In Killarney finden wir auch kein T-Shirt.

Walking in Dampness
Freitag, 12.8.2017

Bachlauf in den Wäldern von Glengarriff
Bachlauf in den Wäldern von Glengarriff

Heute wollen wir noch einmal wandern und fahren dazu in die Nähe von Glengarriff.

An einem kleinen Parkplatz lassen wir alle Autos stehen. Da steht ein Schild, dass vor überraschenden Überschwemmungen, auch des Parkplatzes, warnt, wenn es mal stärker regnet. Wir nehmen das zur Kenntnis. Es ist zwar ziemlich feucht, aber richtiger Regen droht wohl nicht.

Gleich nebenan liegt ein flacher Bach, in dem die Kinder längere Zeit herumwaten und durch Erhöhung eines Mini-Wehres versuchen, die erwähnten Überschwemmungen absichtlich doch noch herbeizuführen. Nachdem alle Füße abgefroren sind, wandern wir weiter. Wir haben keinen wirklichen Plan oder Kurs und entscheiden an Weggabelungen aus dem Bauch heraus.

Das führt uns durch paradiesisch schöne Wälder und entlang irgendwelcher Flussläufe mit kleinen Teichen dazwischen, auf Berge mit Aussichten und durch Schluchten mit Mini-Wasserfällen. Wunderbar.

Irgendwann kommen wir wieder an einer Straße heraus und finden dank Smartphone auch den Parkplatz wieder. Wir fahren zurück nach Kenmare, um weitere Souvenirs und solch Zeug zu kaufen, außerdem essen wir das letzte Eis und suchen uns ein Pub.

Am Abend haben wir vor, solange im Haus herumzuwuseln, bis alle Dinge eingepackt sind, denn morgen müssen wir früh raus.

Onto the rocky road to Dublin
Samstag, 13.8.2017

Morgenstimmung mit Tau
Morgenstimmung mit Tau

Genauer: um 6 Uhr. Es herrscht ein märchenhafter High-Key-Nebel, und darüber leuchtet die Sonne. Es gibt nochmal richtiges Frühstück Resteessen, dann werfen wir alles in die Autos und fahren los. In irgendeinem Dorf werfen wir die letzten Postkarten ein (von denen einige nicht ankommen werden), und dann ab nach Dublin. Ohne besondere Ereignisse.

In der Nähe des Flughafens müssen wir die Autos noch betanken. Das ist ohne Tankstelle gar nicht so einfach, und die einzige, die wir finden, ist quasi eine einsam stehende Zapfsäule mit Selbstbedienung. Die ist dann auch bei der Wahl der Zahlungsmittel ziemlich wählerisch (besser: zickig), und es entsteht in der Hektik auch noch eine kleine Sauerei mit dem Diesel.

Ansonsten verläuft alles problemlos, nur ein wenig stressig. Entgegen der Pratchett-Regel „Ein Flughafen ist ein Ort, zu dem die Menschen eilen, um dort zu warten“ hetzen wir aber durch lange Gänge und den ältesten Teil des Flughafens (man erkennt es von den ganzen nostalgischen Bildern, die am neuen Teil des Flughafens herumhängen), um dann in einer düsteren Halle auf den Abflug zu warten.

Dort passiert dann das übliche Billigflieger-Programm: große Handgepäckstücke müssen dann doch wieder in den Gepäckraum, gleichzeitig wird damit geworben, dass es für Handgepäck keine Gewichtsbeschränkung gibt. Was für ein Blödsinn.

Aber in Gedanken buchen wir schon den nächsten Flug.