Tagebuch 2019

Vorbetrachtungen

Irland als Reiseziel ist für diesen Sommer frühzeitig gesetzt. Die letztjährige Reise der bewährten Gruppe in eine iberokeltische Gegend muss in zahlreichen Details als Tiefschlag gewertet werden. Durchaus schön und interessant, aber wir empfehlen es uns selbst nicht gerade zur eiligen Wiederholung.

Im Frühjahr begann die Suche nach einem Ferienhaus und zeitlich kompatiblen Flügen. Wicklow? Waterford? Dún na nGal?

Hauptproblem scheinen die Flugtermine zu sein. Abends um 8 oder 9 in Dublin anzukommen, ist ziemlich dämlich, und zwar völlig unabhängig vom weiteren Ziel. Das gleiche gilt für Rückflüge um 6 Uhr morgens. Bitte, Leute.

Der Flughafen Kerry bietet günstigere Zeiten… und die Gelegenheit, ein paar Tage in der Creativity Cabin zu verbringen, um dann nach – ba-dum-tisch – Donegal zu fahren. Wir mieten ein Ferienhaus auf Malin Head, einer Halbinsel am Nordende der Inishowen-Halbinsel und Irlands überhaupt. Weiter nördlich kann eigentlich nur übernachten, wer ein Zelt und Vertrauen in seinen Gezeitenkalender hat.

Das Mietauto wird aus den letztjährig dargelegten und objektiv verwerflichen bequemlichkeitsstrukturellen Gründen erneut ein Suv.

Der andere Teil der Gruppe kommt nicht in die Kreativitätskabine mit, sondern schlägt sich trotz ungünstiger Flugtermine direkt von Dublin aus nach Donegal durch.

Die ganze Planung geschah zu einer Zeit, als der Termin für den Exitus Großbritanniens (aus der EU) noch im März 2019 lag. Hm. Braucht man dann einen Pass, um durch Nordirland zu fahren? Proviant, Medikamente, einen Generator, Panzerung? KA. Zum Glück bat die damalige Premierenmeisterin Theresa May in Brüssel unter Aufbietung einer selbst für Konservative nahezu unmenschlichen Selbstverleugnung um einen Aufschub ihres politischen Selbstmordes, und bis dahin bleibt alles beim Alten.

Aus heutiger Sicht sieht das natürlich ganz… ähm…

Urlaub IRL
Mittwoch, 3.7.2019

Abend an der Creativity Cabin
Abend an der Creativity Cabin

Nach dem letzten Packen würden wir gern losfahren, doch das geht nicht.

(Was für ein blöder Anfang. Ist aber wahr.)

Vor dem noch geparkten Auto-zum-Flughafen steht ein durch Gegenverkehr blockierter Laster-zum-EDK und kann in der engen Straße nicht zurück. Ihm gegenüber steht ein Auto-zum-Teufel und will nicht zurück. Der Lasterfahrer sieht die Sache entspannt und beginnt zu lesen – was soll er auch tun? Der Autofahrer müsste durch Taten zugeben, dass er der Vollhonk in diesem sonderbaren mexikanischen Standoff ist. Als ich ihm die Rückwärtsfahrt vorzuschlagen wage, verweist er scheinheilig auf die sich (jetzt erst) hinter ihm ansammelnden Autos, die ihn daran hindern. Natürlich könnten sie auch rückwärtsfahren, aber… Stattdessen beginnen sie unverzüglich damit, den Vollhonk vollzuhonken. Letztlich weichen die Autos großgnädig auf den Fußweg aus, und wir können losfahren, nachdem wir uns die Tränen aus den Augen gewischt haben, die vom Lachen oder vom Weinen kommen.

Von Berlin Schönefeld fliegen wir pünktlich und angenehm ab. Mein Sitzgurt fordert mich zum Fasten auf, was auch gerechtfertigt ist. Der Kerry-Flughafen ist immernoch so wie er ist. Wir landen am frühen Abend bei fast wolkenlosem Himmel.

Das Gepäckband bringt gnadenlos ans Licht, was manche Leute für kreative Ideen entwickeln, wenn es um das Verpacken des Verpäcks geht. Höhepunkt ist eine labbrige windschiefe alte Kiste von einem anderthalb Hektar großen Flachbildfernseher, der da ganz bestimmt nicht mehr drin ist.

Auf dem Weg zur Autovermietung wird die Sonne kurzzeitig von einem besonders großen Exemplar eines Suvs verdunkelt.

„Vielleicht ist das ja unserer.“
„Nein, wir haben ja ein kleines gebucht.“

Innerhalb von fünf Minuten erhalten wir den Schlüssel für „the blue one, right there“ – den Schattenspender. Es ist ein südkoreanisches Modell, dessen Name sich wahrscheinlich auf Fromage reimt. Es ist auch von innen sehr groß, bietet also viel Platz für alle.

„Hallo-ho da hinten – soll ich ein Stück nach vorn rücken?“
„Soll das ein Witz sein?“

(Ok, es gibt natürlich größere Suvs, aber ich kann die nie von Traktoren unterscheiden.)

Außerdem besitzt es sehr viele obskure Knebbchen, zu denen ich später noch im Einzelnen kommen werde. Wir wollen sie nämlich jetzt nicht alle testen, sondern losfahren und Irland wiedersehen.

An der Ausfahrt sitzen die Eigentümer der Hektarkiste im Gras und spielen auf ihrer Gitarre.

Auf dem Weg nach Beara liegen die Supermärkte von Killarney. Besonders schwierig ist es, Kokosfett zu finden. Und Tesco akzeptiert immernoch kein V-Pay, und ich weiß immernoch nicht, welche der beteiligten Firmen denn nun hochnäsiger ist.

Der Spurhalteassistent ist – vom Fahrer unbemerkt – noch eingeschaltet, was im ersten Anwendungsfall ein sehr überraschtes Gesicht hervorbringt. Autonomes Fahren ist es aber nicht, weil es nach dem Loslassen des Lenkrades leider sofort protestiert. Außerdem ist der Fahrer kein Autonomer. Das Knebbchen ist schnell gefunden, aber beim Abbiegen auf die schmalen Straßen von Beara schaltet sich die Funktion ohnehin unter hysterischem Gelächter ab. Der Versuch, sie wieder einzuschalten, erinnert an die bekannte „useless machine“.

Und mit nur einem Zwischenstopp vor Lauragh, der dem Fotografieren eines malerisch von Feinstaubh durchzogenen Tals gewidmet ist, fahren wir durch bis zur Kreativitätskabine, wo wir freundlich und mit Wein bewillkommnet werden.

KWL pool
Donnerstag, 4.7.2019

Badestelle
Badestelle

Die Nacht wird für mich zu einem von allerlei Tiergeräuschen angefüllten Halbdelirium, was übrigens nichts mit dem Wein zu tun hat. Auch im späteren Wachzustand dämmert die Realität nur langsam: an der Wand hängt eine humorige digitale Kuckucksuhr, die nicht nur kuckuckt. Zu jeder vollen Stunde gibt es ein anderes Tiergeräusch. Zum Glück kann man das abschalten.

Das Wetter könnte nicht besser sein. Wir frühstücken unter freiem Himmel und mit Sonnencreme. Danach fahren wir zum Markt in Castletownbere, um zu schlendern. Es gibt zum Beispiel britische Königinnen der neuen Saison. Das ist eine Kartoffelsorte. Irgendwie stimmt das ja auch, bedenkt man die Geschichte des Hauses Windsor.

Anschließend zeigen uns die Einheimischen eine Badestelle in der Nähe von Eyeries. Anders findet man sie nicht, auch wenn man schon hundertmal im Abstand von vielleicht zwanzig Metern daran vorbeigefahren und -gelaufen ist. Es ist ein baumumstandenes tiefes Becken unterhalb eines Wasserfalls. An so einem heißen Tag sehr willkommen, aber ziemlich kalt. Sicher ist es garantiert auch nicht, also alles auf eigene Gefahr. Man kann ins Wasser springen und im Wasserfall herumklettern. Auf halber Höhe steckt ein alter Telegrafenmast im Wasserfall und richtet beste Grüße von weiter oben aus. Die Steine im Wasser sind gut geeignet, sich unerwartet ein Knie zu stoßen, aber viel zu rutschig, um darauf zu stehen. Und niemand verkauft Eis oder Kaffee oder Bratwurst. Super.

Bis auf die Bratwurst und das Super gibt es das im Anschluss in Eyeries bei Cindy, der Holländerin. Der Laden muss neu sein.

Wir erledigen noch die Einkäufe und unternehmen auf der Rückfahrt noch einen kleinen Umweg zum Ausblick auf den Kenmare River.

Den Sonnenuntergang beobachten wir von der Nordseite des Healy Pass aus. Und einmal mehr gelingen ein paar schöne Aufnahmen von Autolichtern auf der Südseite.

Sonnenuntergang an der Straße zum Healy Pass
Sonnenuntergang an der Straße zum Healy Pass

Und nach Einbruch der Nacht versucht sich der Irlandfan an Sternenhimmel- sowie Milchstraßenfotografie. Es gibt ja bekanntlich auch das Genre der Street Photography, dem zu Folge müsste das hier Milk Street Photography sein. Der Nachteil ist, dass Langzeitbelichtungen ziemlich lange dauern. Aber Schlafmangel ist ok, wenn der Urlaub – was für ein Tag! – schon so schön beginnt.

Hey! Das hier ist Irland.

Schlafen kann ich zu Hause.

O M Cheese
Freitag, 5.7.2019

Garnish Beach
Garnish Beach

Der heutige Tag verspricht eine Kopie des gestrigen zu werden. Mehr oder weniger jedenfalls: heute backen wir zusätzlich einen Kuchen, u.a. mit dem o.a. Kokosfett. Das ist angesichts unbekannter Küchentechnik und unklarer englischer Begriffe für die Zutaten eine kleine Herausforderung. Aber als wir das Ergebnis aus dem Ofen herausfordern, sieht es gut aus. Wenn jetzt noch die verdammte Schokoschicht bitte mal fest werden könnte…

Unser Lieblingsstrand auf Beara ist zur Zeit Garnish (je nach gewünschter Schreibweise auch Garinish, nicht zu verwechseln mit der Insel vor Glengarrff), weshalb wir in höchster Eile – das heißt mit nur einem Eisess-Zwischenstopp in Allihies – dorthin fahren. Er ist fast leer, was höchstens an der Kälte des Wassers liegen kann. Sonne, Farben und alles andere sind wieder super.

Auf der Rückfahrt erreicht uns telefonisch die Bitte der Einheimischen, noch einen gewissen vorbestellten Käse bei einem kleinen lokalen Produzenten zu erwerben und mitzubringen. Wir erhalten die Adresse und die Anweisung, den Käse, wenn der Käsist nicht mehr zu Hause ist, einfach vom Küchentisch zu nehmen und das Geld hinzulegen.

Dem sich aufbauenden inneren Konflikt entgehen wir, weil der Mann noch da ist und sein kleiner, aufmerksamer Hund. Das ist auch ein besonderer Käse und nicht einfach irgendwelcher cheap sheep’s cheese. Außerdem haben wir in Castletownbere sehr schöne Steaks gekauft, die wir zu Hause braten und essen werden. Lecker, sobald man es geschafft hat, gekonnt so gegen den Wind zu pfeffern, dass der fällige Hustenanfall niemanden anfällt.

Kuchen und Käse dienen einer Geburtstagsvorbereitung, und wir dürfen bei den Einheimischen mitfeiern (genauer: „Reinfeiern – this is such a typical German thing“), und es wird ein sehr geselliger Abend. Und lehrreich. Anwesende Mütter fachsimpeln über Wehen, und der Irlandfan lernt, dass das auf Englisch „to be in labour“ heißt. Anschließend zieht er einen logischen Schluss.

„So that’s what the Labour Party is all about.“
„Ha, there’s not much labour in them…“
„… Also, it’s not a party…“
Usw.

Es kommt die Frage auf, wie die Irlandfans eigentlich hier herkommen. Die Erinnerung schweift 22 Jahre zurück, an das Kilcatherine English Centre von Anne O’Carroll und den kopierten Abreißzettel, den deren – heute anwesende – Schwester 1997 in Berlin in ein Pub geklebt hat. Sie hat Schuld. Das Pub gibt es heute nicht mehr.

„Wo fahrt ihr morgen hin?“
„Nach Inishowen.“
„Oh! Inishowen is so beautiful!“
„Fahrt ihr über Limerick, oder nehmt ihr die Shannon-Fähre?“
„W…“
„Sie sollten auf jeden Fall die Fähre nehmen. Da sieht man immer Delfine!“
Damit wäre das auch geklärt.

Milchstraße über Beara
Milchstraße über Beara

Und nach Einbruch der Dunkelheit, und nach dem Eintritt des Geburtstagsereignisses, und nachdem überall das Licht ausgegangen ist, sitzt der Irlandfan noch ein bisschen draußen und fotografiert weitere Sterne und Straßen.

BTW
Samstag, 6.7.2019

Shannon-Fähre
Shannon-Fähre

Wir halten ein drittes Frühstück im Sommersonnenlicht ab (bisher 100 Prozent aller Tage), dann wird der glücklicherweise hinreichend erstarrte Kuchen überreicht und gegessen. Das dauert, außerdem müssen wir noch packen, so dass die lange und entbehrungsreiche Reise nach Donegal erst kurz nach elf startet.

(Wahrscheinlich wegen zweidimensionalen Denkstrukturen vergessen wir einige Kleidungsstücke, die zum Trocknen über den Köpfen hängen. Sie werden uns netterweise später nach Donegal nachgepostet.)

Auf der Fahrt trübt sich das Wetter ein, aber nicht sehr stark. Auf der Überfahrt über den Shannon sehen wir tatsächlich einige Male charakteristische Rücken und Flossen vor dem malerischen Hintergrund des Ölkraftwerkes. Im Anschluss packt uns der Hunger, weshalb wir uns im Supermarkt von Kilrush seltsames Zeug, darunter Kartoffelwürfel, erwärmen lassen und sie im Nieselwind auf dem Standstreifen der N68 etwas außerhalb der Stadt genüsslich verzehren.

Ab Ennis nehmen wir die Autobahn, und bis Sligo wird die Fahrt etwas eintönig, aber das war ja zu erwarten. Wir halten in irgendeinem Städtchen an einer umfangreichen Tankraststelle, und fallen auf ein Gesöff herein, dass sie hier unerklärlicherweise „Kaffee“ nennen. Dabei hätten wir es wissen können: „Café Americano – Espresso topped with hot water“ steht auf dem Schild, das lässt sich etwa mit „Kaffee aus dem Land der schrillbunten Nahrungsmittel – drei Tropfen vom laschen Espresso, mit heißem Wasser auf einen halben Liter verdünnt“ übersetzen. Wir kosten, und es stimmt. Großer Fehler. Espresso wird zum Verzehr nicht verdünnt, sondern gestürzt.

Ab Sligo gibt es wieder ernstzunehmende Berge. Der erste ist der Benbulben, für den wir uns einen Fotostopp leisten. Es scheint, als wäre ihm vor recht kurzer Zeit ein Stück Zacken aus der Krone gebrochen, und der nun offenliegende Fels muss erst noch nachdunkeln.

Benbulben
Benbulben

Hinter Donegal, der Stadt, durchfahren wir das kühle und schnurgerade Barnesmore Gap und danach bis Letterkenny. Dort erledigen wir den Einkauf. Die Supermarktstruktur auf Inishowen kennen wir nicht so genau, obwohl vermutet werden darf, dass die Leute dort auf Dauer auch irgendwas essen und trinken.

Im Muff schrammen wir hart an Nordirland vorbei und rufen die Vermieter des Hauses auf Malin Head vorwarnend an. Anschließend verfahren wir uns erwartungsgemäß an einer erst im letzten Moment erkennbaren Abzweigung am Antennenwald der Coast Guard Station und kommen kurz nach neun – gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang – an. Das Haus ist groß und schön und geräumig, und wir bräuchten bitte noch einen weiteren Stuhl. Kein Problem, kein Problem.

Die Dielen knarren etwas (das ist bei dieser Bauweise oft der Fall), weshalb man, wenn jemand im Obergeschoss herumläuft, die Farbe seiner Socken hören kann.

Abendhimmel vor der Tür
Abendhimmel vor der Tür

Gegen halb zwei des Nachts kommen die restlichen Gruppenteile aus Dublin an.

Wild-Atlantic-Way-w00t
Sonntag, 7.7.2019

Auf dem Weg zum Malin Head
Auf dem Weg zum Malin Head

Gleich am ersten Tag lassen wir die Autos erstmal so stehen, wie wir sie gestern verlassen haben, und wandern zum Malin Head. Denn das Wetter ist schön und wir lassen uns den Wind um die Ohren heulen und die Sonne ins Gesicht. Den Turm am Kopf sehen wir auch vom Haus aus und mangels höheren Bewuchses auch auf dem Weg fast die ganze Zeit.

Ein vermeintlicher Pfad abseits der Straße stellt sich nach einiger Zeit als ein Labyrinth aus Sackpfaden zwischen Felsen, Stachelzäunen und Fingerhüten dar, weshalb wir zur Straße zurückkehren. Das ist aber kein großes Problem, denn trotz der Tatsachlage, dass das hier der Weg zum geografisch nördlichsten Punkt Irlands ist und außerdem die Küste hier Star-Wars-Appeal hat, herrscht sehr wenig Verkehr.

Den erwähnten alten Wachtturm am Malin Head kann man zwar nicht betreten, macht aber nichts. Er stammt ursprünglich aus den Napoleonischen Kriegen und dient später als Funkstation für den Schiffsverkehr. Es gibt eine begrenzte Menge Parkplätze, ein modernes Toilettenhäuschen, die leider offenbar unvermeidliche rostbraune Wild-Atlantic-Way-Motivklingel und zwei mobile Verkaufsstände für Getränke (endlich richtiger Espresso!) und Souvenirs.

Das Wahre hier ist aber natürlich der Ausblick auf die Felsküste, Schottland und das anklatschende Meer. Etwas weiter unten sieht man die aus Steinen gelegten und weiß übertünchten Riesenschriftzeichen „EIRE“ und „80“. Sie stammen aus dem Zweiten Weltkrieg, als amerikanische Flugzeuge nach langer Atlantiküberquerung nur mit Kompass, Uhr, Thermometer und Karte nie so ganz genau sicher sein konnten, welches Land sie da unter sich erblickten. Die 80 ist Teil eines Nummerierungssystems von Landmarken und war auf den Flugkarten eingetragen. Irland war zwar neutral, aber Nordirland zusammen mit dem Vereinigten Königreich nicht, und das Zeichen hieß somit auch „nach Derry geht’s da lang“.

80 Eire
Neuzeitliche Geoglyphen am Malin Head

Außerdem gibt es auch Berichte, dass Irland in jenem Krieg versehentlich von den damaligen deutschen Rechtsradikalen bombardiert worden ist, und vielleicht dienten diese Schriftzeichen auch als dezenter geografischer Hinweis.

(So ganz konsistent ist das für mich trotzdem noch nicht, wer dort für wen die Zeichen hingelegt hat.)

Nach der Stärkung empfehlen wir uns eine Wanderung entlang des Küstenpfades. Das gibt buchstäblich bei jedem Schritt neue Ansichten der Felsküste, die selbstverständlich schroff ist, und das Meer. Wir gehen bis zu einem Punkt, der ohne genaueres Hinsehen „Höllenloch“ genannt wird, und kehren dann um.

(Rückblickend bereue ich das, weil man unbedingt noch weitergehen sollte. Auch wenn auf der einen Schautafel „End of trail“ steht.)

Felsen unterhalb des Malin Head
Felsen unterhalb des Malin Head

Aber auch so waren das ungefähr 15 Kilometer Wanderung, nicht schlecht also. Deshalb gibt es Burger zum Abendessen. Später fahren zwei Hobbyfotografen nochmal mit dem Auto zum Malin Head. Ziel sind erneut Abend- und Nachtaufnahmen. Da es aber windstill ist, werden wir dermaßen von Gnitzen belästigt, dass wir nach weniger als hundert Bildern pro Person schon aufgeben und die Flucht ergreifen.

Auf der steilen Abfahrt vom Parkplatz probieren wir aber noch ein Knebbchen aus, dessen Symbol aussieht wie ein Auto auf einer steilen Abfahrt. Das Einschalten dieser Funktion bewirkt ein starkes Abbremsen, was den Fuß entlasten helfen kann. Das Auto wird dadurch aber viel zu langsam, darum lassen wir das sein.

Nur FYI
Montag, 8.7.2019

Greencastle & Lough Foyle
Greencastle & Lough Foyle

Das Wetter hat sich verschlechtert. Es ist bedeckt und regnet vereinzelt. Wir springen frohgemut in die Autos und fahren an den Lough Foyle, der den Rand der Inishowen-Halbinsel darstellt und die Grenze nach Nordirland. Erstes Ziel: Moville.

Auf dem Weg stoppen wir kurz bei einem frühchristlichen Überrest namens Carrowmore. Offenbar stand hier ein Kloster, das der zweite Mann der Schwester des Heiligen Patrick gegründet hat. Abgesehen von zwei steinernen Kreuzen ist nicht viel zu erkennen, und das gilt im Grunde auch für die Informationstafel, obwohl sie nicht so alt ist.

In Moville haben früher Ozeandampfer kurz vor der großen Überfahrt nochmal angelegt. Davon ist nichts mehr zu sehen, aber das Meer ist voller seltsamer Riesen-Stative (eine nicht sehr neutrale Assoziation). Wir spazieren durch den Ort und schauen knallbunten Kindern beim Kajakfahren zu. Es gibt auch einen Laden namens Gala, der „Everything & More“ verkauft, eine Behauptung, die wir nicht prüfen.

Dann fahren wir in den Nachbarort Greencastle. Der hat zwar ein grünes Castle, das aber ganz anders heißt, nämlich Northburg Castle. Eine unwillkürliche geistige Querverbindung zu einer Filmrolle von O.J. Simpson müsste aber ebenfalls noch durch Fakten untermauert werden, bis dahin ernte ich nur hochgezogene Augenbrauen (stimmts?). Das Castle ist grün, weil es von Kletterpflanzen überwuchert ist, und erhebt sich dicht neben einem Neubaugebiet aus Reihenhäusern. Das erschwert das epochenreine Fotografieren. Wir laufen darum herum und steigen auch in einige Räume, aber das ist hier wirklich nur eine nicht sehr informative Ruine.

Außerdem gibt es in Greencastle eine Fähre über den Lough Swilly, aber das war es dann irgendwie auch schon.

Shrove / Stroove
Shrove / Stroove

Wir steigen wieder in die Autos und fahren zum Inishowen Head, genauer, nach Shrove. Dort kann man schön am Strand sitzen. Also könnte – wenn das Wetter besser wäre. So laufen wir nur eine Weile herum, fotografieren Felsen und den halbwegs malerischen Leuchtturm und fahren dann nach Hause.

HTH, wer mal in der Gegend ist
Dienstag, 9.7.2019

Glenevin-Wasserfall
Glenevin-Wasserfall

Wir nehmen heute unser erstes irisches Frühstück ein. Am Bratenduft aus der Küche nimmt ein Rauchmelder (im Flur) lautstark Anstoß, wovon man ihn nicht durch das Schließen der Küchentür abhalten kann, weil sie leider keine Scheiben enthält. (Letzteres habe ich erst bemerkt, als ich allein in der Küche war und durch die vermeintlich geschlossene Tür von hinten angesprochen wurde. Eine blutfrostende Erkenntnis.)

Wir besteigen dann die Autos, denn wir wollen nach Westen. Aus geografischen Gründen müssen wir dazu zunächst nach Südosten. Wir halten kurz bei einer malerisch gelegenen Kirche namens Lag unterhalb von hohen Felsen und mitten in den Dünen, aber es regnet, aber wir kommen wieder. Hinter Malin biegen wir rechts ab und gelangen über Ballyliffin‘ und Clonmany zum Glenevin-Wasserfall. An der Parkplatz-Einfahrt gibt ein Schild den klugen Hinweis, dass man, wenn der Parkplatz voll sei, bitte später wiederkommen solle.

Von dort führt ein dekad sehr bequem angelegter Spazierweg entlang eines von knorrigen Bäumen umstandenen kleinen Flüsschens bis zum Wasserfall und endet dort. Alles ist für meinen Geschmack etwas zu ordentlich, und es gibt auch wieder diese kleinen Feenhäuschen zu entdecken, aber dafür kann ja der Wasserfall nichts. Ein etwas steilerer Seitenweg führt aus dem Flüsschental heraus, und oben hat man einen schönen Rundblick auf Berge, Strände und Meer.

Ein kleines Stück zurück halten wir kurz in Clonmany. Dort gibt es eine Kirchenruine namens St. Columba’s, deren Vorläufer ein Follower des Heiligen Patrick gegründet haben soll, und neben der auf einem alten Stein die Knie- und Handabdrücke des Heiligen Colmcille zu sehen sind. Wie so oft gilt auch hier: Ohne das hilfreich neben den Stein in den Boden gerammte Schild hätte vermutlich auch der Heilige selbst den richtigen Stein nicht gefunden.

Carickabraghy Castle
Carickabraghy Castle

Wir fahren nach links, passieren das Doagh Famine Village, welches von außen betrachtet auch etwas zu bunt und zu geleckt aussieht, und kommen zum Carrickabraghy Castle. Das ist nicht besonders groß, aber ein wenig restauriert und hat (also hatte. Zu Lebzeiten, meine ich) einen schönen Ausblick in alle Richtungen, unordentliche Felsformationen und das Meer. Damals wussten die Leute sicherlich auch, wie man den Namen richtig ausspricht. Auf der anderen Seite der Bucht steht unser Ferienhaus.

Die Kinder blicken auf ihre Smartphones und erklären, ganz in der Nähe befände sich ein seltsames Biest, das näherungsweise aussieht wie eine Kreuzung aus einer Giraffe und einer Palme. Und nur sie könnten es sehen.

Und zu guter letzt fahren wir noch einmal nach Ballyliffin‘ und essen Fish & Chips.

Die ROTFLs der Gegend
Mittwoch, 10.7.2019

Anfahrt zum Mamore Gap
Anfahrt zum Mamore Gap

Wir tasten uns so langsam vor. Wir nehmen heute den selben Weg wie gestern, aber weiter. Die Straße führt hinter Ballyliffin‘ an den Bergen entlang, und als es gar nicht mehr anders geht, auch obendrüber. In diesen Bergen wurde früher gern auch mal ein Poteen über den Durst gebrannt, und aus Protest gegen Strafzahlungen hat sich die Gemeinde Urris 1812 sozusagen unabhängig erklärt („Poteen Republic of Urris“), indem die einzige Straße über den Pass unpassierbar gemacht wurde. Erst 1815 waren die britischen Truppen nüchtern genug, die Ordnung wiederherzustellen.

Im Mamore Gap, Blick Richtung Norden
Im Mamore Gap, Blick Richtung Norden

Diese famose Pass-Straße schlingelt sich erst hinauf und drüben schnurgerade wieder runter. Das alles heißt Gap of Mamore. Es gibt auch eine heilige Quelle, die Ziel diverser Wallfahrten ist und mit dem Heiligen Columcille zu tun hat. Hinterher lesen wir, dass es hier eine Stelle gibt, wo das Auge die Neigungen falschrum einschätzt und man meint, mit einem Auto im Leerlauf bergauf zu rollen. Irgendwas mit „magic“ (oder vielleicht auch Poteen), und außerdem sind wir dazu in der falschen Richtung unterwegs.

Auf der anderen Seite geht es, wie gesagt, schnurgerade runter (auch sehr fotogen), und wir kommen zum Fort Dunree. Es steht auf einem Felsvorsprung, der wie abgesägt wirkt (sieht man nur von der Seite) und bedroht prinzipiell die gegenüberliegende Küste, die eigentlich ganz nett aussieht.

Fort Dunree
Fort Dunree

Nein, eigentlich diente es dem Schutz der Bucht vor schlecht gelaunten Schiffen. Eine Besichtigung lohnt sich, und auch ein Spaziergang in der Umgebung und auf den Felsen unterhalb des Forts. Und man muss auch keinesfalls ein Waffennarr sein.

… Auf keinen Fall.

Ähm, wo war ich? Ach… … sein, um geschichtliche Relevanz am Nachvollziehen von lokalisierten Erinnerungen zu verankern. Das Fort wurde erst 1938, also lange nach Gründung des Freistaates, ohne große Feierlichkeiten von einem englischen Sergeant an seinen Schwager, einen irischen Sergeant, übergeben. (Ey. Sowas gibt es auch nur in Irland, oder?)

Selbsterklärung per Flaggenalphabet
Selbsterklärung per Flaggenalphabet

Eine weitere Schautafel erklärt, dass Inishowen die historischste Halbinsel des historischsten Countys der historischsten Provinz Irlands ist. Volltreffer.

Mit neuem Wetter (in diesem Fall: Sonnenschein) sieht wie so oft alles anders aus. Vor dem Regen direkt im Anschluss retten wir uns in ein kleines Café. Dort erinnert ein Schild daran, dass es angeblich diese Gegend hier sei, die den Sklavenhändler John Newton zum Text „Amazing Grace“ inspirierte. Und es gibt Kuchen und Eis.

Wir folgen der Straße nach Buncrana, einer etwas größeren und ziemlich autolastigen Stadt. Wir lassen die Autos stehen, bilden eine Flanierraupe und und spazieren ziellos herum. Dabei finden wir einen römischen Tempel, der „Katholisches Oratorium der Heiligen Mary“ oder so ähnlich heißt, und eine alte Brücke, die am Nordwestrand der Stadt über den Crana River zu einer kleinen alten Festung der O’Dohertys und zum geschlossenen Buncrana Castle führt.

Wir erledigen die fälligen Einkäufe und fahren im einsetzenden Regen über sehr einsame Straßen, kahle Hügel und einen Ort namens Illies nach Hause. Die wenigen Unterbrechungen dienen der Fotografie und dem de-facto-right-of-way einer Kuhherde. Erst stehen die Kühe unentschlossen auf der Straße herum, während der gesamte Autoverkehr (also: wir) wartet. Da das nicht zielführend im Sinne des Projektes ist, springt der Rindsbesitzer in sein Golfcart und fährt mit Vollgas auf die Tiere los, die daraufhin endlich beginnen zu rennen. So macht man das also.

A F Kinnagoe
Donnerstag, 11.7.2019

Pebble Beach und Malin Head
Pebble Beach und Malin Head

Die Plan-Ziele für heute sind ein Steinkreis bei Culdaff und das Schiffswrack der großmächtigen spanischen Armada, das sich laut Karte in der Kinnagoe Bay befinden soll. Mit diesem Plan im Kopf fahren wir entlang der Küste Richtung Culdaff und werden permanent abgelenkt.

Als erstes vom so genannten Pebble Beach. Dort liegen viele Kieselsteine, von denen nach einer eingehenden Prüfung durch uns als sicher gelten kann, dass keine zwei von ihnen gleich aussehen. Viele sind bunt oder gemustert und glänzen hübsch, zumindest wenn sie nass sind, oder man müsste sie mal schleifen. Dazu gibt es ein paar Felsen zum Herumklettern und viel Platz. Das Herumstolzieren durch diese dauernd wegrutschende riesige Kieselhalde strengt ziemlich an.

Bei der versuchten Weiterfahrt kommen wir wieder nicht weit. Ein Teil der Landstraße R 242 ist von wem-wohl in R 2D2 umbenannt worden, und eine Häusergruppe namens Slievebawn mit Pier und Campingplatz rühmt sich, dass das Star-Wars-Filmteam hier gern eingekehrt sei. Naja.

Auch danach werden die Autos gar nicht erst warm. An der Straße weist ein braunes Schild nach dem Wee House of Malin, einer Art Einsiedelei mit Höhle, Kirchenruine, Quelle und Schrein unten am Wasser. Die Quelle ist dem Heiligen Muirdeach (Murdock?) gewidmet, der aus Donegal stammte und auf einer Reise nach Rom in „Regensburgh“ (sic) hängenblieb und erster Abt des dortigen Klosters Weih St. Peter wurde – eines der vielen „Schottenklöster“.

Am Wee House of Malin
Am Wee House of Malin

Wir lagern erneut am Strand und klettern auf den Felsen herum. Viele von ihnen sehen aus, als wären sie von den Bergen herabgesprungen, um baden zu gehen. Das Strandkämmen fördert ein paar Steinchen und bunte Reste von Krabben oder etwas ähnlichem zutage.

Auf Grund von Hunger fahren wir ein paar Meter zurück und kehren in die Seeblick-Taverne ein. Das ist ein ziemlich großes Restaurant. Wir werden an einem großen runden Tisch platziert und fragen nach der Card, nein, der Map.

Gesättigt brechen wir nun endlich (und es ist 4 Uhr nachmittags) gen Culdaff auf. Dort stellen wir fest, dass der Steinkreis mit dem Auto irgendwie gar nicht zu erreichen ist, und wie man es zu Fuß anstellt, bleibt auch unklar. Das Schiffswrack ist wohl auch schon lange nicht mehr da. Stattdessen irren wir noch ein wenig auf schmalen Straßen durch die Berge und besuchen zum Abschluss den Strand von Culdaff und essen dort leckeres Eis.

Culdaff Beach
Culdaff Beach

Zum Einkauf springt die Katze nach Carndonagh. Am Abend gibt es leider keine Fotosession, denn der Wind jagt Nebel und Wolken ziemlich eng ums Haus.

Die SNAFU-Insel
Freitag, 12.7.2019

Inch Castle
Inch Castle

Heute wollen wir auf die Insel Inch an der Westseite von Inishowen. Aber first things first, und break fast slow, besonders ein irisches.

Wir fahren über Carndonagh und Buncrana auf die ex-Insel, die mit zwei Dämmen mit dem Festland verbunden ist. Genaues Ziel und Gründe für dieses Terraforming bleiben uns verborgen. Vorher gab es nur eine Art Weg, der nur bei Ebbe benutzbar war. An einer Ecke der Insel und im Reiseführer steht eine Burgruine mit dem schwer zu erratenden Namen Inch Castle auf einem Felsen. Eine direkte Zuwegung gibt es allerdings nicht.

Wir versuchen zunächst, von einer teilbetonierten Strandpromenade aus am Strand entlangzuwandern. Wie alle Strandwanderungen ist sie schön und man findet diverse Stücke, aber der Weg wird immer beschwerlicher, und die Burg kommt irgendwie nicht näher.

Wir geben auf und versuchen es von der anderen Seite. Zwischen den beiden Dämmen ist ein Vogelschutzgebiet entstanden, an dem man entlangwandern kann. Hinter dem Damm gelangt man an einen steinigen Strand und kann von dort weiter an der Küste laufen.

Zumindest bei Ebbe. Hier setzt gerade die Flut ein, und Drizzle, deshalb beeilen wir uns und machen ein paar Fotos. Ein einfach begehbarer Weg vom Strand hinauf zur Burg ist für uns wegen des dicken Gestrüpps nicht zu sehen und von den Erbauern der Burg möglicherweise auch absichtlich weggelassen worden. Wir eilen zurück.

Burt Castle
Burt Castle

Am Parkplatz improvisieren wir ein Picknick (das sind ohnehin die besten) und fahren noch ein wenig herum. Richtig umwerfend ist es landschaftlich hier nicht. Wir verlassen die Insel und fahren vorsichtig tastend in Richtung Letterkenny. Auf einem gelben Kornhügel steht weithin sichtbar das Burt Castle und wird von schwarzen Vögeln umkreist. Der Weg dorthin endet an einer privaten Grundstückseinfahrt, aber es ist auch aus der Distanz sehr schön anzuschauen.

Über Muff und Quigley’s Point fahren wir nach Hause.

Ein WTG
Samstag, 13.7.2019

Inishowen Head
Inishowen Head

An diesem Morgen ist es zwar sehr bedeckt, aber wir haben trotzdem eine weite Sicht bis zu einem kleinen dunklen Fleck im Meer, bei dem es sich peiltechnisch um Tory Island handeln müsste. Wir fahren aber in die entgegengesetzte Richtung: zum Inishowen Head, und am schnellsten geht das über Culdaff und Moville.

In einer losen Gebäudesammlung namens Shrove oder Stroove endet die Straße auch, mehr oder weniger, an einem Strandparkplatz neben dem Leuchtturm. Von hier startet der Loop Walk und wir auch.

Vorher spricht uns noch eine ältere Dame aus ihrem phantastischen Garten heraus an. Neben dem üblichen kleinen Gespräch weist sie uns auf die Sicht hin, die wir von oben haben werden: bei diesem Wetter nämlich über Nordirland bis Schottland.

Nach einem kleinen Anstieg steht man an einem Aussichtspunkt mit einem fragwürdigen Beton-Podest oberhalb des Inishowen Head, und spätestens ab hier sind keine Autos mehr zugelassen. Die Landschaft ist wild und baumlos. Wir sehen tatsächlich Schottland – also, es ist jetzt nicht beschriftet oder so, aber laut Karte gibt es in dieser Richtung nur Schottland. Im Meer kreist ein kleines Frachtschiff um seinen Anker, was etwas verloren wirkt, weil es keinen Hafen in der Nähe gibt. Wir gehen weiter.

Ein Stück weiter hat man nochmal einen Ausblick zu einem Stück Steinstrand, das man im Prinzip Inishowen Foot nennen müsste. Irgendwo da unten soll es eine heilige Quelle und einen Standing Stone geben. Beide werden dem heiligen Columcille zugeschrieben, der hier auf seiner Reise nach Schottland ein letztes Mal an Land gegangen sein soll. Deshalb heißt der Ort auch Portkill. Ab hier sind wir quasi allein auf dem Loop Walk. Wir loopen weiter.

Shrove
Shrove

Der schottrige Weg führt über die nur niedrig bewachsenen Berge. Im struppigen Gras gluckert ab und zu ein Bächlein. Weiter oben fährt ein Landwirt mit einem Quad herum, um sich an einem kleinen Schuppen um irgendetwas zu kümmern, zum Beispiel seine Schafe. Quad fahren macht ihm ebenfalls sichtlich Spaß. Der Walk loopt sich so langsam herum, und es beginnt der Abstieg nach Stroove. Dort kommen wir nach nicht sehr hektischen zweieinhalb Stunden an und sind doch recht erschöpft. Wir gehen nicht weiter.

… sondern fahren nach Moville, wo wir verdiente Eise essen und beobachten, wie jemand mit einem Suv durch den Ort fährt, an das ein Pferd gebunden ist. Das ist aber kein Problem, weil der Schwanz des Pferdes mit einer gelben Warnweste gesichert ist.

Abend am Malin Head
Abend am Malin Head

Die abendlichen Burger haben wir uns auch verdient, und das Wetter gestattet eine weitere Fotosession am Malin Head.

Baden in der AFAICS
Sonntag, 14.7.2019

Das Meer beim Five Finger Strand
Am Five Finger Strand

Heute ist Superwetter, weshalb wir an den nächstbesten Strand fahren und dort den ganzen Tag bleiben.

Natürlich war das nicht unbedingt geplant. Aber es hat sich wie von selbst so ergeben.

Der Strand ist der Fünf-Finger-Strand und liegt unterhalb einer hohen Steilküste (auf der einen Seite) und einer größeren Dünenlandschaft namens Lag (auf der anderen Seite). Er ist von der erwähnten, sehr malerisch zwischen den Bergen und den Dünen liegenden Kirche gut zu erreichen. Er ist zunächst auch sehr breit und gut besucht, was bedeutet, dass andere Leute relativ dicht, manche sogar bis auf Hörweite, herankommen können. Das Wasser ist kühl, aber die meisten gehen baden.

Felsen am Five Finger Strand
Felsen am Five Finger Strand

Selbst wenn das nicht ginge, kann man in beide Richtungen schön spazieren. Und das tun wir auch in verschiedenen Kombinationen. Rechter Hand liegen inmitten von steinigen Platten und Geröll sehr seltsame Felsformationen am Wasser herum, eine davon erinnert an einen indischen Tempel (oder so). Das schaut sich der Irlandfan gern aus der Nähe an, idiotischerweise barfuß und darum recht langsam. Hinter einem Felsen taucht überraschend ein alter Mann auf und fragt den Irlandfan, ob er wisse, warum das hier der Fünf-Finger-Strand sei. Der Gefragte deutet auf die Felsvorsprünge am gegenüberliegenden Ufer (beim Doagh Famine Village). Die Augen des alten Mannes folgen zwar zögernd dem Zeig, aber er sieht die offenbar zum ersten Mal. Außerdem sähen sie ja gar nicht wie Finger aus und fünf seien es auch nicht. Als ob das beim Benennen von Landschaftselementen schon mal jemanden interessiert hätte.

Die Fünf Finger am Five Finger Strand
Die Fünf Finger am Five Finger Strand

Nein, die fünf Finger sind fünf nebeneinanderliegende niedrige Felsen am Rand des Blickfeldes, je nach Gezeitenstand auch weniger. Außerdem sind sie rein geometrisch weiter vom eigentlichen Strand entfernt als die Vorsprünge gegenüber. Naja.

Der indische Tempel ist dann natürlich auch kein echter, aber es war trotzdem ein schöner Spaziergang.

In der anderen Richtung läuft man entlang der Lag-Dünen, auf denen auch Kinder herumkraxeln und hinunterrutschen. In Deutschland ist eine solche Humanerosion ja verboten, aber hier? Man sieht den Dünen jedenfalls an, dass Wind und Meer hier am Werke sind. Sie seien die höchsten Dünen Europas, habe ich auf irgendeinem Schild gelesen. Und irgendwann kommt man an die Kurve und kann in die Trawbreaga-Bucht hineinschauen, aber so weit gehen wir dann doch nicht. Baden und Schwimmen ist an diesem Ende des Strandes wahrscheinlich etwas gefährlich, weil die Gezeiten ab und zu hier durchkommen und es eine große Sandbank auf der anderen Seite gibt.

Die Flut hat den Strand inzwischen ziemlich geschmälert. Es ist prinzipiell sogar möglich, dass man vom Meer eingeschlossen wird, schließlich nagt es ja auch ab und an an den Dünen was ab. Als wir nochmal kurz erschöpft auf die Decke sinken, fällt der Blick die Steilküste hinauf. Da oben steht schon den ganzen Tag ein Wohnmobil. Wenn die das mit diesem Ofen da hoch geschafft haben, schaffen wir das auch, so mit Suv und so. (Gibt es die eigentlich auch mit Allradantrieb?)

Dünenlandschaft bei Lag / Five Finger Strand
Dünenlandschaft bei Lag / Five Finger Strand

Wir finden den Weg, und es lohnt sich. Von oben hat man einen wunderbaren Blick über die halbe Küste und den Strand unten, so dass wir beschließen, ab sofort immer diesen Weg zu nehmen.

Am Abend fahren alle nochmal zum Malin Head, um Sonnenunter- und Mondaufgang zu beobachten. Das Wetter passt, keine Wolken trüben die Sicht, und das Licht des Mondes breitet sich fein-gülden auf dem Wasser aus.

Fanad FYI
Montag, 15.7.2019

Fanad Head Lighthouse
Fanad Head Lighthouse

Das Ziel für heute lautet Fanad Head, eine weitere Landspitze hier und die Unterlage für einen malerischen Leuchtturm. Je nach Glück oder Pech wird das eine mittellange oder sehr lange Fahrt: von Buncrana nach Rathmullan kann man eine (für Autos und Suvs geeignete) Fähre nehmen und damit ein ziemliches Stück der Strecke (einschließlich Letter-Kenny) abschneiden.

Als wir in Buncrana eintreffen, ist die Fähre gerade losgefahren, und deshalb nehmen wir ohne weiteres Zögern den Landweg, denn Warten würde sich zeitlich nicht lohnen.

Kloster Rathmullan
Kloster Rathmullan

Hinter Letterkenny fahren wir wieder nach Norden, und nach Rathmullan, wo wir kurz am innerstädtischen Kloster halten, wird die Küstenstraße auch richtig schön. Es gibt viele Aussichtspunkte auf die andere Seite, Fort Dunree zum Beispiel oder einen Strand mit dem schönen Namen Ballymastocker oder einen Ort namens Portsalon.

Ballymastocker Beach
Ballymastocker Beach

Am Fanad Head parken wir die ganzen Autos und laufen noch ein Stück, vorbei an einer militärisch anmutenden Ruine. Am Eingangstor steht ein Schild, und darauf steht, dass wir die Eintrittskarten am Parkplatz kaufen gemusst hätten. Der Leuchtturm und die zugehörigen Gebäude liegen, wie gesagt, sehr malerisch auf einem Felsen, umgeben von Klippen und kleinen schroffen Schlucht-Buchten. Es gibt hier sogar Ferienwohnungen. Theoretisch kann man auch das Innere besichtigen, das lassen wir aber sein.

Felsen am Fanad Head
Felsen am Fanad Head

Ein Stück weiter unten gibt es noch einen „Sea Arch“, aber wegen Grundbesitz-Streitigkeiten ist er nicht zugänglich und von oben auch nicht zu sehen. Man kann nur auf Postkarten zurückgreifen.

Es wird immer windiger. In einem kleinen Shop für alles kaufen wir Kaffee und Eis und brechen dann wieder auf. Die Landkarte zeigt die Reste des Moross Castle nicht weit von hier. Davon ist nicht mehr viel übrig, und fotogen ist es leider auch nicht besonders. Das war unnötig.

Wir haben keine Lust mehr auf die lange Tour über Letter-Kenny. Darum beschließen wir, in Rathmullan auf die Fähre zu warten. Die Zeit verbringen wir mit der Einnahme von Burgern, Fish & Chips und Eis.

Die Fähre bringt uns entspannt und schnell nach Buncrana, und wir fahren über die kahlen verlassenen Berge nach Hause.

Der Sonnenuntergang heute ist auch nicht übel.

KWLdaff
Dienstag, 16.7.2019

Culdaff Beach
Culdaff Beach

Ein Strandtagh ist echt nicht zu veraghten, besonders wenn das Wetter so hervorragend mitspielt. Darum machen wir das gleich nochmal, nach dem Irish Breakfast, versteht sich.

Heute wollen wir aber nach Culdaff, wo es auch ganz schön aussah.

In der Nähe des Ortes versuchen wir ein weiteres mal und diesmal zu Fuß, den Steinkreis zu finden. Wir kommen aber nur bis zu einem absichtlich verschlossenen Weidegatter und lassen es darum sein.

Culdaff Beach, Detail
Culdaff Beach, Detail

Auch der Strand von Culdaff ist heute dünn besiedelt und lädt zu Spaziergängen und fotografischen Miniaturen ein. Hinzu kommt ein Sportplatz an der Straße, der seltsamerweise von extrem vielen Dohlen belastet ist, was sehr merkwürdig aussieht.

Im Laufe des Nachmittags kommt Bewölkung auf, es wird kühler, und der Rettungsschwimmer setzt eine Bommelmütze auf. Wir sehen das als Vorzeichen, packen zusammen und fahren nach Malin, um dort etwas herumzuspazieren.

Malin
Malin

Es gibt ein nettes kleines Antiquariat, das man durch das zweite „Zimmer“ eines Pubs betritt. Wir kaufen ein paar Seltsamkeiten und geraten mit dem Besitzer ins Gespräch. Wir erwähnen, dass wir vor ein paar Tagen in West Cork waren.

„Really? How did you survive? They barely speak English down there.“

Nord-IRL
Mittwoch, 17.7.2019

Free Derry Corner
Free Derry Corner

Ursprünglich wollten wir heute nach Letterkenny, aber wozu eigentlich? Derry bzw. Londonderry liegt näher und ist kopfmäßig sicherlich interessanter. Teile der Gruppe, darunter der Irlandfan, waren noch nie in Nordirland.

Was sagt die Autovermietung dazu? Anruf, ok.

Ich für mein Teil bin sehr gespannt auf den Ausflug nach Nordirland. Ich glaube nicht, dass es aktuell irgendwie als gefährlich einzustufen wäre oder so. Für mich ist dieser Landesteil so stark mit Geschichte aufgeladen. Wie soll man da den Alltag wahrnehmen? Und werde ich pessimistisch sein und Trennendes überspitzfindig sehen, und Einigendes als zu optimistisch abtun? Oder optimistisch, andersrum? Darf man erlebte Momentaufnahmen verallgemeinern?

Lest selbst, haut mich von mir aus, aber so sehe ich das eben.

Genaugenommen war ich noch nie wirklich im Vereinigten Königreich, nimmt man einen Tagesausflug von Calais nach Dover und ein Autobahnteilstück auf Zypern mal aus.

Beim Überqueren der Grenze werden wir informiert, dass alle Geschwindigkeitsbegrenzungen ab sofort in Meilen pro Stunde gelten. Die in unser Auto eingebaute Frontkamera kann die Schilder (und alles, was so ähnlich aussieht) natürlich genauso lesen und im Display anzeigen, aber die Maßeinheit muss der Fahrer wissen.

Zum ersten Mal in diesem Urlaub fahren wir in eine Stadt, die diese Bezeichnung verdient, mit allen Begleitschmerzen der Umgewöhnung. Die Satellitennavigation ist ein Segen, redet allerdings jetzt auch von Meilen und Füßen. Wir finden Parkplätze knapp außerhalb der Stadtmauer.

Diese ist noch komplett begehbar, was wir zu überprüfen beschließen. Die Mauer schützt die außerhalb liegenden Viertel u.a. vor der weiteren Ausbreitung der ganzen nicht so schönen Einkaufszentren, die sie umschließt, und dafür muss man dankbar sein. Auch bietet sie einen schönen Überblick über die umliegende Stadt.

In einem modernen, aber auf altmodischen Kleinstadt-Gassen-Look hingerichteten kleinen Einkaufsviertel (selbsterfundener Spitzname: „Rechtwinkelgasse“) kaufen wir einige Souvenirs und trinken Kaffee. In Euro bzw. mit der Karte zu bezahlen ist kein Problem, das pennygenaue Umrechnen der Pfund-Preise (und welches ist der aktuelle Kurs?!) hingegen eine mathematische und organisatorische Herausforderung und ein Fest der Pedanterie. Auf einem kleinen Platz findet ein Kinder-und-Jugend-Tanzfestival statt.

Wieder draußen, flüchten wir uns vor einem einsetzenden Starkregen in einen kleinen Laden im Tiefparterre, wo eine freundliche Dame Wollkleidung und Kopfbedeckungen verkauft. Dem Irlandfan wird von der Gruppe der Kauf eines Paddyhats mit der Begründung verwehrt, er mache ihn 10 Jahre älter (also der Hat den Fan), ein Argument, das leider auch dann noch hervorgezogen werden wird, wenn er 10 Jahre wartet (der Hat und der Fan). Außerdem passt keiner der Anwesenden dem Hat.

Guildhall und Peace Bridge, Derry / Londonderry
Guildhall und Peace Bridge, Derry / Londonderry

Der Regen ist inzwischen weitgehend fertig geworden, und wir laufen die Straße hinunter, vorbei an der Gildenhalle und zur Peace Bridge. Die ist sehr symbolisch und für Fußgänger und Radfahrer auch sehr praktisch. Auf den breiten Straßen wird ziemlich viel gehupt.

Die Gildenhalle schauen wir uns auch von innen an, schon aufgrund der Wetterlage. Im Erdgeschoss gibt es eine Ausstellung zur Geschichte der Stadt. Im Obergeschoss und im Treppenhaus herrscht ein uns unerklärliches Geraffel, deshalb werfen wir nur einen kurzen Blick in die ehrwürdige große Halle.

Auf dem Rückweg zum Auto geraten wir in das Viertel rund um die Free Derry Corner und wünschen uns sofort, das eher getan zu haben. Infotafeln, Wandgemälde, die Smartphones, Hintergrund-(Halb)-Wissen und viele Graffiti tun sich zusammen und erzählen Geschichten aus Jahrzehnten. Und von heute. Und das Museum hat obendrein jetzt geschlossen.

Wir laufen noch recht lange durch die Straßen und kehren dann zum Auto zurück. Kurz nach der Abfahrt fragt eines der Kinder, ob es hier noch mal kurz aussteigen und gleich um die Ecke mit einem verwegenen virtuellen vielarmigen violettstachligenen Viehzeug kämpfen dürfe. Klar, geh nur. Es wird ja trotz der vielen Vs nicht von der UVF sein.

Eine Erkenntniswelle kommt des Wegs und weist darauf hin, dass die Eltern das hier in der Bogside einfach so erlauben, bedenkenlos. Der Konflikt ist selbstverständlich noch lange nicht weg, aber zur Zeit ist es friedlich. Dass das nach allem, was passiert ist, ohne sinnvollen Grund für eine Schwachsinnsidee namens Brexit absichtlich und nachhaltig aufs Spiel gesetzt wird, führt dazu, dass der Satz „Man kann gar nicht so viel essen, wie man kotzen möchte“ fällt. Mehrmals.

Denn die Grenze ist zur Zeit im Alltag nicht mehr unbedingt wahrnehmbar. Sie ist verschwommen und spielt wirtschaftlich kaum eine Rolle. Im Gegenteil, ihre Offenheit spielt wirtschaftlich eine große Rolle. Mit dem Brexitus wird das wieder anders werden, schon aus rechtlichen Gründen.

Die nächsten Stationen sind absehbar: Rückfahrt in die Republik, Einkauf in Carndonagh, Ruhepause oberhalb des Five-Finger-Strandes, Pizza und Steak zum Abendessen.

Am späten Abend tastet die Sonne mit langen Strahlenfingern vorsichtig nach dem Meer, bevor sie vorsichtig hineinsteigt. Und das Wetter erlaubt wieder einen abendlichen Fotoausflug zum Malin Head. Hinter einer Biegung stehen plötzlich Rinderviecherkälber auf der Straße. Eines am Rand, eines mitten auf der Straße, und ein drittes kriecht gerade unter einem Stück Drahtzaun hindurch, auch auf die Straße. Der Irlandfan sitzt am Steuer und schaltet das Licht aus.

Eine Zeitlang fixieren sich Rind und Auto gegenseitig. Dann drückt der Irlandfan kurz auf die Hupe. Das interessiert jedoch vorläufig niemanden. Dann trottet das Rind doch beiseite, und wir fahren weiter. Wir begegnen einem anderen Auto, gestikulieren, leiern die Scheibe herunter und erklären den anderen Insassen, dass sich Rinder auf der Straße befänden. Eine Antwort oder eine Reaktion erfolgt, wie eben schon bei den Rindern, nicht. (Ich könnte es ja nochmal mit Hupen probieren.) Sie starren uns einfach wortlos an. Habe ich noch Käse am Mund oder sowas? Der Moment dehnt sich etwas zu lange, dann nicken sie und fahren weiter. Das war aber noch nicht das Seltsamste heute.

Ein paar hundert Meter weiter schreitet ein kräftiger kleiner Mann ins Scheinwerferlicht und baut sich in der Straßenmitte auf. Zwangsläufig geraten wir in eine Art Gespräch. Er fragt, ob wir nach den Kühen gehonkt hätten. Ja. Daraufhin beginnt eine Tiradenschleife, die um den Satz „You scared ‚em!“ kreist und kein sinnvolles Gespräch zulässt. Darüber, was er davon hält, dass seine (?) Rinder auf der Straße herumlaufen, oder dass Kollegen von ihm ihre Rinder mit Golfcarts jagen.

Natürlich ist das alles lächerlich. Aber ich könnte mir auch vorstellen, ihn im Ansatz zu verstehen. Die Nähe zu Irlands nördlichstem Punkt, die schönen Klippen und Felsen und vielleicht auch die durch Star Wars gesteigerte Beliebtheit haben ja vielleicht dazu geführt, dass hier zunehmend Leute herumlaufen und im Einzelfall auch über Zäune steigen und auf anderem Privatgelände herumirren. Ein Indiz könnte sein, dass ansonsten kein Grund erkennbar ist, warum der Kampfzwerg neben seinem Auto und ein Stück weg von zu Hause in der Dunkelheit an der Straße steht und in die Lande horcht.

Malin Head
Malin Head

Die Fotosession und die Ergebnisse entschädigen uns natürlich für die ganzen Seltsamkeiten dieses Tages.

IMHO
Donnerstag, 18.7.2019

Felsen am Pebble Beach
Felsen am Pebble Beach

Der heutige Tag beginnt ohne Plan. Öhm… na vielleicht grasen wir noch ein paar kleine Winkel der Gegend ab.

Felsen am Pebble Beach
Felsen am Pebble Beach

Als erstes grasen wir den Pebble Beach ab. Es gilt, einen Kompromiss zwischen dem Besitz einer dekorativen bunten Kieselsteinsammlung und dem maximal zulässigen Startgewicht einer Boeing 737 zu finden. Aber in diese Richtung wollen wir noch gar nicht denken.

Etwas weiter oben an der Straße finden wir einen kleinen Laden voller Kuriositäten. Die meisten sind leider aus Gusseisen und darum auch ziemlich schwer. Wir folgen den Straßen weiter entlang der Nordostküste und nehmen jeden Abstecher zum Meer. Der schönste ist jener zur Kinnagoe Bay (die, wo das Schiffswrack nicht liegt). Licht und Farben passen einfach. Das finden auch einige Camper, die sich hier verteilt haben.

Kinnagoe Bay
Kinnagoe Bay

Wir fahren weiter nach Moville, um wieder Eis und Kaffee einzunehmen. Wir geraten auch langsam in gewisse Nöte, was Postkarten betrifft (ja, wir haben noch diese altmodische Angewohnheit). Es gibt hier nur wenige, und dann sind die Bilder meist weder besonders schön noch aussagekräftig oder aktuell oder auch nur gut gedruckt. Es scheint hier einfach nicht üblich zu sein.

Dazu passt auch der Eindruck einer generell dezenten touristischen Infrastruktur, was aber kein Mangel ist. Nur die rostigen Wild Atlantic Way Motivklingeln haben sich, wie erwähnt, leider auch schon bis hierher ausgebreitet.

Ein paar Wanderwege wären aber gut, damit man nicht immer auf den Straßen laufen muss.

Spaziergang am Meer bei Moville
Spaziergang am Meer bei Moville

Zum Gegenbeweis verläuft von hier ein betonierter Küstenjoggergassiwanderweg nach Greencastle. Der ist nicht besonders spektakulär und hat nur ein paar Ausblicke nach Großbritannien und kleine Felsen, aber wir nehmen ihn trotzdem und betrachten es als netten Spaziergang. Etwas Beachcombing nebenbei geht auch immer.

Und dann die Heimfahrt, wie immer: über Quigleys Point und Carndonagh.

DRY KISS
Freitag, 19.7.2019

Malin Head
Malin Head

Morgen müssen wir uns leider, leider, von hier verabschieden. Darum wollen wir heute keinen großen Ausflug mehr fliegen, sondern nochmal zum Malin Head wandern.

Wir sehen auch nochmal den seltsamen Landwirt von vorgestern herumfahren. Er erkennt uns natürlich nicht. Es wirkt schon ein wenig so, als schöbe er eine Art Wachdienst.

Warum eigentlich haben hier so viele offenkundig Ortsansässige ein britisches Autokennzeichen? Und ihre Traktoren?! Sie sind ja hier nicht auf Urlaub, und es wirkt auch oft nicht wie ein Zweitwohnsitz.

Am Malin Head steigen wir etwas weiter hinab und werden unerwartet mit komplett neuen Perspektiven auf die bekannten Felsen belohnt.

Fragt ein Hobbyfotograf den anderen: „Ähm – versteh‘ mich jetzt nicht falsch, aber hast du heute abend schon was vor?“

Also, nach dem Packen und so.

Davor fahren wir nochmal der letzten (Souvenir-)Einkäufe wegen nach Carndonagh und besuchen die hoch über der Stadt thronende Sacred Heart Church und ein kleines High Cross (dem Heiligen Patrick gehörig). Auf der Rückfahrt nehmen wir auch ein letztes Mal die Aussicht auf Lag mit.

Und abends, nach dem Packen:

Sonnenuntergang am Malin Head
Sonnenuntergang am Malin Head
Felsen am Malin Head
Felsen am Malin Head

Reisen mit FAQ
Samstag, 20.7.2019

Grianan Of Aileach und die Insel Inch
Grianan Of Aileach und die Insel Inch

Die weite Abreise erfordert frühes Aufstehen. Es war so wunderbar hier, Wind und Meer und Einsamkeit und alles.

(Pause.)

Zuerst reisen die zuletzt Gekommenen gen Dublin ab, und kurz darauf dann auch die Gruppe des Irlandfan, aber in Richtung Süden. Wir haben einen Tag länger: wir treffen uns mit anderen Berliner Freunden in der Nähe von Tralee und fliegen erst morgen vom Kerry-Airport nach Berlin.

Und darum haben wir auch Zeit. Die verbringen wir mit diversen Zwischenstopps. Die bieten sich auch an, weil heute ein phantastisches Wetter herrscht. Hinter Quigleys Punkt fahren wir am Wasser entlang und blinzeln in die noch tiefstehende Sonne. Davor fährt zufällig gerade auf halbwegs malerische Weise das Traumschiff (MS Berlin – ausgerechnet!) in den Lough Foyle ein. Wirklich.

Der nächste Stopp ist am Grianan of Aileach. Das ist ein restauriertes Ringfort auf einem Hügel ein wenig abseits der Straße, und es ist gut ausgeschildert. Wetterbedingt haben wir auch hier ein tollen Blick in die Weite, darunter die Insel Inch.

Kurz vor Sligo beschließen wir, zum Essen einen Abstecher nach Strandhill, zu Füßen des Knocknarea, zu machen. Dieser Ort ist gegenüber unserer auf 2006 basierenden Erinnerung ziemlich gewachsen. In der Nähe des Strandes essen wir in einer Art großem Strandbistro Crepes (interessanterweise deftig belegt) und Eis.

Je weiter wir nach Süden kommen, desto bedeckter wird der Himmel. Wir nehmen wieder die Fähre über den Shannon, wieder begleitet von Delfinen.

Unsere Freunde haben ein Ferienhaus in der Nähe von Killorglin, nördlich von Killarney gemietet, und netterweise dürfen wir dort eine Nacht bleiben. Die ganze Gegend erscheint unseren an die nordländische relative Wildheit gewöhnten Augen geradezu über-ordentlich. Die rechtwinkligen Grundstücke an rechtwinkligen Straßen haben akkurat gestutze Hecken, Golfrasen, großzügig betonierte Einfahrten und perfekt designte Blumenbeete. Schick, modern und pittoresk. Aber der Tag ist noch nicht vorbei.

Dingle-Halbinsel
Dingle-Halbinsel

Das Wetter und die Zeit erlauben einen Ausflug an den nächstbesten und einen weiteren steinigen Strand. Gegenüber sieht man die Halbinsel mit dem großen Inch Beach, ein Sandhaufen, der seltsam weit in die Dingle Bay hineinragt. Das Wasser ist leider viel zu kalt zum Baden, deshalb springen wir nur kurz hinein und versuchen anschließend, einen anhänglichen und offenbar damen-und-herrenlosen Hund loszuwerden.

Und am Abend gibt es – noch eine Klammer – eine weitere Geburtstagsfeier.

Dabei keimt der Plan auf, morgen surfen zu gehen.

Ja, SCNR
Sonntag, 21.7.2019

Inch Beach, Dingle
Inch Beach, Dingle

Der Plan von gestern abend ist keine Schnapsidee. Unser Flug geht erst am frühen Abend, also warum den Tag nicht so richtig ausnutzen? Die hiesigen Urlauber haben das schon erkundet: am Inch Beach kann man für wenig Geld eine Neoprenwurstpelle und ein Board mieten und es einfach mal probieren.

Der Irlandfan beschließt für sich, es auch zu versuchen, denn hier kennt ihn ja keiner.

Erstmal werfen wir alle Dinge wieder ins Auto und fahren um die Bucht herum zum Inch Beach. Dort ist es trübe, stark windig, und später beginnt es zu nieseln. So what? Der Strand ist extrem breit und sehr lang. Die Leute verteilen sich. Manche fahren mit dem Auto direkt bis ans Wasser.

Am Strand steht ein rostiger Container. Ein Surfertyp, dem Nässe und Kälte nichts auszumachen scheinen, nimmt fünf Euro pro Person für die Miete eines Neoprenanzuges und eines Surfbretts. Eine Frage nach der Kleidergröße („4-Personen-Zelt“), Mini-Anleitung und ein paar Hinweise („nicht weiter als bis dahin, da ist eine Strömung“) ist alles. Keine Namen, keine Unterschriften, kein Testament.

Das Kopfkino ist jetzt bitte geschlossen. Der Irlandfan und einige der anderen zwängen sich in die Neoprenanzüge, die auch ganz gut vor dem einsetzenden nadelscharfen Nieselwind schützen, nehmen die Bretter und tollen damit im Wasser herum. Man sollte es, besonders im Fall des Irlandfans, auf keinen Fall „Surfen“ nennen, aber es hat großen Spaß gemacht, sich von den Elementen herumwürfeln zu lassen. Die Tatsache, dass man nicht friert, einen leichten Auftrieb durch den Anzug hat und vor Regen und Wind geschützt ist, trägt sicherlich einen großen Teil dazu bei.

Der Regen wird immer stärker. Der blaue Suv steht inzwischen auch am Strand, und in dessen Schutz schälen wir uns wieder aus der Wurstpelle. Diese und das Board werden wieder am Container abgegeben, was dessen Inhaber beiläufig zur Kenntnis zu nehmen scheint. Danach retten wir uns (auch durch Nieselregen kann man klatschnass werden) in die Strand-Bar und nehmen eine Stärkung zu uns.

Wir verabschieden uns und fahren zum Flughafen. Kurz vorher tanken wir an einer seltsamen schmuddeligen Tankstelle (oder sowas in der Art).

Der Flughafen ist heute etwas geschäftiger, als wir es kennen. Vielleicht ist die Zahl der Starts und Landungen heute sogar zweistellig. Der Rest ist wie immer. Die letzten Souvenirs sind zwei hübsche Topfhandschuhe, die sich später leider als unbrauachbar herausstellen. Also, sie sind dekorativ, aber zum Handhaben heißer Dinge ungeeignet, sofern man Brandblasen ablehnt.

Da es immernoch regnet, wird das Gepäck ziemlich nass. Gleichzeitig hasten die Fluggäste aus der Maschine aus Berlin ins Gebäude und zeigen durch ihre dünne, luftige Kleidung, dass sie auf das irische Wetter schlecht vorbereitet sind, und dass wir auf das Berliner Wetter schlecht vorbereitet sind. Ein Baby benimmt sich ziemlich daneben, wofür es natürlich nichts kann.

Der Rühückfluhug wird etwas wahackelig. Das erwähnte schlecht konfigurierte Baby hat nur kurz geschlafen und wird wieder aktiv.

Die letzten Tage haben sich in unserer Wahrnehmung irgendwie immer weiter übertroffen. Dieses tolle Gefühl eines wunderbaren Urlaubs-Endes bleibt zu Hause jäh erhalten, eigentlich bis heute.

EOT.

Sonnenuntergang auf Malin Head
Sonnenuntergang auf Malin Head