Kleine Reisegeschichten

Nur fliegen ist schöner oder No problem
Das Abenteuer eines irischen Bus-Transfers
von Peter Kondler (http://www.shannon-info.de/)
Zum irischen Straßenverkehr
Zum irischen Straßenverkehr

Vier wunderschöne Wochen boat-holiday auf dem Shannon und Erne sind zu Ende. Der Flieger von Dublin nach Düsseldorf startet morgen am Samstag um 10 Uhr und die Busabfahrt (Transfer zum Flughafen) ist für 7 a.m. angekündigt. Die Zeit für das Einchecken abgezogen bleiben etwa 2 Stunden Fahrtzeit – eigentlich etwas knapp für 155 km Strecke BELTURBET – DUBLIN. Aber nichts ist unmöglich. Schon gar nicht in Irland. Sorg- und ahnungslos beschließen wir, den fehlenden Schlaf im Bus nachzuholen, denn heute Abend gehts noch mal in den Pub.

Samstag 6.50, Belturbet, Marina. Zwei belgische Ehepaare, meine Frau und ich stehen von Koffern umgeben auf dem Parkplatz und warten froher Dinge auf unseren Bus, der von Enniskillen kommen soll.

7.20 a.m. Das Bild hat sich nicht geändert, nur mit den „frohen Dingen“ ist es nicht mehr so weit her. Nach meinem Hinweis auf die knappe Zeit erkundigt sich eine Angestellte der Charterbasis telefonisch nach dem Verbleib des Busses. „The axe was broken – but no problem“. No problem? No problem – was sonst?

7.45 a.m. Der Ersatzbus ist da. Und was antwortet der Fahrer auf unsere bange Frage, ob wir unseren Flieger noch erreichen werden? Richtig: „No problem“. Na, wenn das so ist – wir wagen zu hoffen. Im Bus schon ein etwas blasses holländisches Männerquartett, das in uns vorerst unverständliches hysterisches Gelächter ausbricht bei der Frage, ob dies jetzt ein neuer Bus sei. 7.50 a.m. Und los gehts.

Der Fahrer hat allerdings noch Schwierigkeiten mit dem Schaltgetriebe – aber man kann ja notfalls auch mit dem 3. Gang anfahren. Nach 20 Metern das erste Hindernis – ein Kuhabweisgitter in der Straßendecke. Die Holländer beginnen schon zu grinsen. Ohrenbetäubender Krach. An dem Bus scheint lose zu sein, was lose sein kann. Die Hinterachse schlägt, der Auspuff rattert und die Stoßdämpfer – na lieber Schwamm drüber. Ich warte nur noch darauf, dass sich der Bus nach links und rechts zerlegt – so wie man das aus den alten Buster Keaton-Filmen kennt.

Bemerkenswert das Verhalten der Businsassen: Der Fahrer flucht über das Getriebe, die beiden belgischen Ehepaare sitzen starr und krampfhaft angeklammert, die Holländer freuen sich, dass auch die anderen ihre bisherigen Erfahrungen teilen können und ich lächle verzerrt, während ich versuche, die Fingernägel meiner Frau aus meinem Oberschenkel zu graben. Wir lassen Belturbet hinter uns und fahren begleitet vom systembedingten Lärm mit halsbrecherischer Geschwindigkeit über Land. Das mit der Geschwindigkeit ist uns vertraut. Auf die Frage, ob er nicht Gegenverkehr hinter engen Kurven und Brücken, in Toreinfahrten spielende Kinder oder sonstige Unwägbarkeiten befürchte, bekamen wir einmal von einem Busfahrer im County Cork zu hören, dass vor 9 Uhr Vormittags kein echter Ire schon freiwillig außer Haus wäre, schon gar nicht am Samstag.

9 a.m. Noch hält der Bus in seinen klappernden Bestandteilen zusammen – dem guten Farbanstrich und dem heute herrschenden hohen Luftdruck sei Dank. Meine Frau murmelt zum wiederholten Male etwas von „Besser wäre doch ein Taxi gewesen“ und verstärkt dabei den Nageldruck in meinem Bein.

Endlich sind wir auf der N3, deren Zustand schon mal eine Unterhaltung im Bus zulässt. Selbst bei unseren beiden belgischen Paaren kehrt wieder etwas Glanz in die bisher blicklosen Augen zurück. In einem kleinen Ort plötzlich Halt. Der Fahrer verschwindet in einer Tankstelle. Na ja, muss auch mal sein – das sieht man ja auch ein.

Nach 10 qualvollen Minuten kommt er grinsend mit einem Eis in der Hand zurück. Ein Blick in unsere Augen – klugerweise verkneift er sich seinen Standardspruch – denn nun ist es 9.15 und es wird wirklich problematisch.

9.20 a.m. Ortschaft Dunshaughlin. Ein Wegweiser zeigt, dass es noch 19 km auf der N3 bis Dublin sind – wenn man hier rechts abbiegt. Wir biegen links ab. Keine Zeit, über die Gedankentiefe irischer Busfahrer zu grübeln, denn was jetzt kommt, soll der Höhepunkt unserer Busfahrt werden. Anscheinend eine Abkürzungsstrecke – und was für eine. Die Straße x-ter Ordnung ist selbst für irische Verhältnisse sehr eng. Links Mauern, rechts Büsche und Mauern und nach vorn Sicht für maximal 50 Meter, dann entweder eine Kurve oder der Anlauf zu einer Brückensprungschanze.

Das auf jeden Fall sehen wir, wenn wir ab und zu versehentlich die zugekniffenen Augen öffnen – was der Fahrer sieht, weiß nur er. Viel kann es auf jeden Fall nicht sein, denn inzwischen kämpft er nicht nur mit der Schaltung sondern auch mit der Sonnenjalousie, die nicht arretiert und immer wieder nach oben schnellt. Jetzt hat unser Driver endlich Gelegenheit, es denen vom Mainland mal so richtig zu zeigen: Die hakende Schaltung überlistet er einfach damit, dass er nie unter den 3. Gang zurückschaltet und mit entsprechender Fahrt schießen wir wie auf einer Achterbahn durch die Kurven.

Uns ist inzwischen der Flieger egal – Hauptsache wir kommen überhaupt heil an. Alle versuchen sich irgendwie auf ihren Sitzen zu verkeilen, um nicht unliebsame Bekanntschaft mit dem Boden oder der Busdecke zu machen. In so einem irischen Bus zeigt sich übrigens die Solidarität der internationalen Rauchergemeinde. Sechs zitternde Hände, die mehr oder weniger simultan zum Päckchen in der Hemdentasche greifen (Nichtraucherbus hin, fehlende Aschenbecher her), zeigen an, dass mal wieder eine besonders heikle Situation überstanden ist.

9.50 a.m. Ankunft Dublin-Airport vor dem Abfertigungsgebäude. Dankbare Stoßgebete steigen in den blauen irischen Himmel, während wir wie gerädert unserem braven Vehikel entsteigen. Zu guter Letzt noch Probleme beim Öffnen der Kofferklappe, aber das kann uns nicht mehr aufregen, jetzt nicht mehr. Aber Rache muß sein. Immer noch blass um die sonnenverbrannte Nase haucht meine Frau dem verdutzten Fahrer im besten Schulenglisch ein: „This was a very lovely trip, wasn’t it?“ entgegen. Soll uns keiner nachsagen, wir beherrschten nicht das Understatement. Mit dem Gepäckkuli kurven wir zum Air Lingus-Schalter. Vielleicht klappt es ja doch noch.

Und wie alte Irlandkenner es wahrscheinlich schon lange ahnen, es klappte doch noch. Der Abflug unserer Maschine hat sich um eine halbe Stunde verzögert – St. Patrick sei Dank. Die freundliche Bodenstewardess übersieht lächelnd sechs Kilo Übergepäck, klebt auf jeden Koffer das Schildchen „Late baggage“ und entläßt uns mit einem „Now you can relax“. Das werden wir. Zwei Stunden Schlaf im Flieger werden uns guttun – oder my goodness, kennt etwa auch der Pilot eine Abkürzung?

Did you enjoy your holiday? We enjoyed it very much, indeed.

Und für nächstes Jahr ist die Irlandreise schon geplant – auf jeden Fall mit Bustransfer. Darauf legen wir jetzt Wert. No problem.

P.S. Den ersten Verkehrsunfall mit Stau nach vier Wochen Urlaub erleben wir auf der Autobahn, 45 Minuten nach unserer Ankunft in Düsseldorf.

Irland am Rande
Erinnerungs-Peaks
von Norbert Kulawik c/o irlandfan.de

Nicht alles kann man fotografieren.
Nicht alles kann man fotografieren.

Am relativen Ende der Welt, fernab jedweden Hightech-Konsum-Tempels oder auch nur eines Hauses, gibt die teure Spezialbatterie des Fotoapparates ihren Geist auf.
Im nächsten Dorf führt der örtliche Gemischtwarenladen genau diese Sorte Batterien.

Kurz darauf, nicht weit entfernt, ein einsamer struppiger Wanderer an der Straße, schäbige Erscheinung, 1,90m, unrasiert, kurz: der Irlandfan. Ein Auto mit einem älteren Ehepaar hält an und fragt, ob man ihn mitnehmen kann.

Im Bus sitzt ein alter Mann, mühsam in eine etwa genauso alte Schale geworfen. Schaut nach draußen, ohne wirklich etwas zu sehen, und küsst wiederholt ein Lotterielos.

Der Irlandfan unterhält sich in einem Pub mit ein paar Iren. Zwei Männer kommen herein, gehen zur Bar und bestellen Bier. Einer der Iren meint: „Das sind auch Deutsche.“ Der Irlandfan wird mit auffordernden Blicken bedacht. „Was ist?“ – „Willst du nicht hallo sagen?“ – „Die kenne ich doch gar nicht.“

Am 4. Juli 1996 ist was los. Der amerikanische Flugzeugträger John F. Kennedy ist „zu Gast“ in Irland zur Feier des amerikanischen (?) Nationalfeiertages, denn der Gründer der amerikanischen Navy war Ire, John Fitzgerald bekanntlich irischstämmig und seine Schwester ist amerikanische Botschafterin in Irland. In Lotterien konnte man Tickets für Besichtigungen gewinnen. In unserem B&B hängt ein Schmuckteller mit den Konterfeis der offensichtlich recht weitverzweigten Familie Kennedy.

Dichterlesung in einem kleinen Pub.
Der Wirt lehnt den Wunsch nach Bezahlung eines servierten Glases Bier ab mit den Worten: „I’m mad.“

Gespräch mit dem Bootsbesitzer auf einer Fahrt auf den Seen von Killarney.
„Das da hinten ist der höchste Berg Irlands, 1038m.“
„Aha, na vielleicht gehen wir da mal hoch, 1000m sind ja nicht so viel.“
„1038m!“
(…)
„Was bist du von Beruf?“
„Vermesser.“
„Und was machen die so?“
„Könntest Du so nett sein und das Regal da zusammenbauen, ihr Deutschen seid doch alle Ingenieure…“

Auf dem Flug von Dublin nach Frankfurt in einer Maschine einer Firma die mit L beginnt und A aufhört. Der Irlandfan sitzt neben einem Iren.
Die Stewardessen sind beim Abräumen dessen, was nur Lufthansa Sky Chefs (Himmelsleiter?) und andere Leute mit abgründigem Humor als Mittagessen bezeichnen. Der Ire behält seinen Teller und sein Messer ein, holt aus seiner Tasche Toastbrot, abgepackte Butter und Marmelade, sagt: „In Germany they don’t know the war is over, so the food is rationed“ und lädt seine Nachbarn unter den tödlichen Blicken der Stewardessen zum Tafeln ein.

„Werrjufromm?“
Gespräche mit Stereo-Typen auf der ersten Irlandreise
von Norbert Kulawik c/o irlandfan.de

Die blitzen hier!
Die blitzen hier!

„Woher kommst Du?“
„Aus Deutschland.“
„Aha, aus dem Osten oder dem Westen?“

(In einem Pub gerät der Irlandfan ins Gespräch mit einem jungen Pärchen mit einem Baby.)
„Woher kommst Du?“
„Aus Deutschland.“
„Möchtest Du mal das Baby halten?“

„Where are you from?“
„Germany.“
„Oh, Deutshland! Autowagen unt Stahlheim, ja? Bessere donplaz Kindergarten haben Wurst…“ (oder so ähnlich)
„Oh, yes of course…“ Was hat sie gesagt?

Gespräch in einem Pub zwischen einem englischen Touristen und einem deutschen Touristen:
„Woher kommst du?“
„Aus Deutschland.“
„Da war ich schon mal, in Berlin.“
„Aha, da wohne ich auch. Wie hat’s dir denn gefallen?“
Wonderful. Man hat uns vom Flughafen abgeholt, dann sind wir zu einem Kongresszentrum gefahren, und zwei Stunden später sind wir wieder gestartet.“
(skeptisch) „Was hast du denn da überhaupt gesehen?“
„Das Brandenburg Gate, wo die Kommunisten diese komische Kutsche die obendrauf steht umgedreht haben damit sie nicht in den Westen schaut.“

„Did you watch the game?“
Hilfreich dargereichte Labsal am Rande eines Fußball-Marathons
von Norbert Kulawik c/o irlandfan.de
(Es sind dies Begebenheiten aus dem Jahre 1996, nach dem Fußball-EM-Endspiel Deutschland gegen Tschechien oder Ungarn oder Slowenien oder was das war, welches jedenfalls – warum auch immer – von Deutschland gewonnen wurde.)

Auf die folgende Weise begann jedes unserer Gespräche im Sommer 1996, ausgenommen die drei anderen notierten darunter. Die zählen aber, da sie auf Umwegen auch ins Ziel kommen.
„Woher kommt ihr?“
„Aus Deutschland.“
„Habt ihr das Spiel gesehen?“ („Did you watch the game?“)
Lippensynchron.

Beim Betrachten eines Gaelic-Football-Spiels in einer kleinen Stadt. Wir werden vom Eintrittsgeld-Kassierer durchgewunken und ausgefragt.
„Are you tourists?“
„Yeah.“
„Wher‘ you from?“
„Germany.“
„You don’t have games like this over there, do you?“
„No, not really.“
Eine bisher ungeahnte Abart von Hoffnung keimt auf – verfrüht.
„But you like soccer, dontya? Oh, speaking of soccer, didcha watch the game?“

„Woher kommt ihr?“
„Aus Deutschland.“
„Ah, da war doch grad erst das Spiel… wie hieß er doch gleich… Cleansman, Yurgen Cleansman, der ist mein Lieblingsspieler. Wisst ihr, mein Enkel, der spielt auch Fußball, und …“

Ort: Ein Pub in Dublin.
Handlung: Billard-Partie, zwei Touristen gegen zwei Einwohner. Der eine der letzteren sagt ab und zu was auf Französisch und blickt erwartungsvoll.
„Oh, du sprichst Französisch?“
„Ja, ein bisschen…“
„Du hast es gut, wir sprechen überhaupt kein Französisch…“ („So you’re lucky, we don’t speak French at all…“)
Es entsteht eine Pause.
„… Ähm – ihr seid keine Franzosen?“ („You’re not French?“)
„Nein.“
„Woher kommt ihr?“
„Aus Deutschland.“
„Habt ihr das Spiel gesehen?“

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